Berlin : Kampf um die Lufthoheit

Der Streit ums Qualmen im Lokal: Vier Gaststätten – vier Modelle, den Konflikt zwischen Rauchern und Nichtrauchern zu lösen

Christoph Stollowsky,River Tucker

Die einen warnen vor dem Untergang der Kneipenkultur und sehen die große Pleite auf Berlins Gastwirte zukommen, sollte die Kippe im Lokal generell untersagt sein. Die anderen wollen endlich rauchfrei ausgehen: Der Streit ums Qualmen in der Gastronomie ist mit dem Vorhaben der rot-roten Koalition neu entflammt, ab 2008 in allen Gaststätten ein Rauchverbot durchzusetzen. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses sollen nach dem Willen der PDS mit gutem Beispiel vorangehen und Qualmen auch im Parlament verbieten. Schon jetzt gibt es in Berlin aber Nichtraucherlokale oder Gaststätten mit Kompromissen wie Bereichen für Raucher und Nichtraucher. Und es gibt Bars, wo der blaue Dunst dazugehört. Wir haben uns vier Modelle angeschaut.

DIE NICHTRAUCHER-ZONE

2003 dachte Konditor Joachim Soltmann, er könnte Frieden schaffen zwischen Rauchern und Nichtrauchern in seinem „Café Lebensart“, wenn er getrennte Bereiche einrichtet. Eine durchgestrichene Zigarette zeigen seither Schildchen auf Tischen im hinteren Gastraum. „Doch damit fingen die Probleme erst richtig an“, sagt Soltmann. Nichtraucher klagten, ihre Schutzzone sei eine Mogelpackung, denn der Qualm treibt doch hinüber. Und Raucher wollten sich nicht vorschreiben lassen, wo sie sitzen dürfen. Sie gingen ins raucherfreundliche Nachbarbistro. Soltmann hoffte vergeblich auf mehr Nichtraucher, die sein Café nun stürmen würden – und wich zurück: Er hat die Nichtraucherzone wieder verkleinert.“ („Café Lebensart“, Unter den Linden 69a, Mitte)

DAS RAUCHFREIE LOKAL

Das Restaurant „Maultäschle“ ist schon seit der Eröffnung vor drei Jahren rauchfrei. Was jetzt heiß diskutiert wird, ist für Cevim Kern, Chefin der badisch-schwäbischen Küche, schon lange kein Problem mehr. „Man kann das Essen genießen und die Klamotten sind nicht vollgequalmt.“ Angst, ihre Gäste zu vergraulen, hatte Kern nie. Sie schätzt, dass nur ein Prozent der Gäste lieber auf Maultaschen und badischen Wein verzichten, anstatt auf die Kippe. „Die Deutschen hängen wahnsinnig an Gewohnheiten, es schadet aber nicht, sich umzugewöhnen“, findet die Deutsch- Türkin. „Man muss seine Gäste auch erziehen.“ Besonders bei Ausländern beobachtet sie, wie selbstverständlich diese nach dem Essen vor die Tür gehen, um zu rauchen. („Maultäschle“, Charlottenstr. 79/80, Mitte)

DIE QUALMER-BAR

Die „Junction Bar“ als rauchfreie Zone kann sich Chefin Marina Le Claire nicht vorstellen. Sie glaubt, dass Live-Musik und Zigarettenqualm für viele immer noch zusammengehören. In dem kleinen Musikkeller ist das jede Nacht stickige Wirklichkeit. Persönlich hätte die Chefin, selbst Raucherin, nichts gegen ein Rauchverbot. Doch sie will warten bis das Gesetz kommt. „Die Leute werden sich daran gewöhnen. Im Moment wäre es geschäftsschädigend für mich.“ Nur selten bitten Musiker das Publikum, auf das Rauchen zu verzichten. Bei einem Rockkonzert auch schwer vorstellbar. („Junction Bar“, Gneisenaustr. 18, Kreuzberg)

DAS SPÄTRAUCHER-RESTAURANT

Im Gourmet-Restaurant „Alt-Luxemburg“ bittet der Chef Karl Wannemacher seine Gäste mit freundlichen Worten, nur nach der Dinner-Zeit zu rauchen. „Wir freuen uns über Ihren spontanen Entschluss, erst ab 22 Uhr zum Zigarillo oder zur Zigarre zu greifen“, steht auf der Speisekarte. Zigaretten hat Wannemacher gar nicht erwähnt, weil deren Liebhaber nach seiner Erfahrung gegen solche Bitten recht resistent sind. Doch auch den Zigarrenfreunden falle der Verzicht schwer. „Manche schnuppern – und wenn schon andere qualmen, legen auch sie los.“ Obwohl die Feinschmecker nebenan die Nase rümpfen. Dieser Konflikt, meint Wannemacher, „lässt sich nur mit einer klipp und klaren gesetzlichen Vorschrift lösen“. („Alt-Luxemburg“, Windscheidstraße 31, Charlottenburg)

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben