Berlin : Kampf um die Straße

Berlin diskutiert über Ausbruch der Gewalt. Bürgermeister Buschkowsky: Problem ist der Werteverfall

Jörn Hasselmann,Ralf Schönball

Jeden Tag eine neue Gewalttat im Wrangelkiez: Eine Gruppe von etwa acht türkischstämmigen Jugendlichen stürmte gestern Nachmittag in der Eberhard-Klein-Hauptschule in den Physik- Unterricht, bedrohte den Lehrer mit Besenstielen und griff dann einen 16-Jährigen an. Der ebenfalls türkisch-stämmige Jugendliche wurde durch mehrere Messerstiche ins Gesäß verletzt. Die etwa acht Angreifer flüchteten. Das Motiv ist unklar. Die Kreuzberger Hauptschule wurde in diesem Jahr bekannt, weil sie als erste Berliner Schule keine Kinder deutscher Herkunft mehr hat.

Nach den Übergriffen auf Polizisten am Dienstagabend will einer der Tatverdächtigen Anzeige gegen die Beamten stellen. Mehmet S. behauptet, er sei mit Schlagstöcken und Fausthieben im Einsatzwagen der Polizei traktiert worden. Polizeipräsident Dieter Glietsch sicherte eine Untersuchung zu. Nach Informationen des Tagesspiegels ist S. der Polizei bereits wegen Körperverletzung, Landfriedensbruchs und Widerstands gegen Polizisten bekannt. Laut Polizei waren die bis zu 100 Jugendlichen mit Migrationshintergrund am Dienstag in der Wrangelstraße zusammengeströmt, nachdem Polizisten zwei Zwölfjährige festgenommen hatten. Die beiden hatten versucht, einem Jugendlichen „abzuziehen“. Aus der Menge heraus sei auf Beamte eingeschlagen und zwei Polizisten verletzt worden.

Mehmet S., der eine Halskrause trägt und ein geschwollenes Auge hat, bestreitet jede Gewalt gegen die Beamten. Er habe diese lediglich aufgefordert, „sich an die Regeln zu halten“ und den verhafteten Kindern keine Gewalt anzutun. Nach einem Wortwechsel hätten sich vier Beamte mit Schlagstöcken und Pfefferspray einen Weg durch die Umstehenden gebahnt und ihn festgenommen.

Um die Ursachen für die Eskalation der Gewalt zu klären, will Kreuzbergs Bezirksbürgermeister Franz Schulz in dieser Woche zum Krisengespräch einladen. „Wir wollen klären, ob das Einzelereignisse sind oder ein strukturelles Problem.“ Denn erst vor drei Wochen hatten in der Falckensteinstraße türkischstämmige Anwohner die Feuerwehr bei einem Wohnungsbrand massiv bedrängt. Ihr Vorwurf: Die Feuerwehr löscht nicht schnell genug. Bürgermeister Franz Schulz kritisierte das Verhalten gestern scharf: „Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, dass Rettung vor Brandbekämpfung geht.“ Leider sprächen viele ältere Migranten sehr schlecht Deutsch. Deshalb könne ein Gerücht – „Feuerwehr zu langsam“ – schnell die Runde machen. Schulz forderte mehr türkischsprechende Beamte bei Feuerwehr und Polizei.

In der Wrangelstraße waren jedenfalls keine Türkisch sprechenden Beamte eingesetzt, hieß es gestern bei der Polizei. Bürgermeister Schulz, der selbst seit 15 Jahren im Wrangelkiez wohnt, sagte, dass der Migrantenanteil seit fünf Jahren sinke. Derzeit seien es nur noch 35 Prozent. „Das ist keine No-Go-Area“, sagte der Bürgermeister, es gebe in der Stadt viel schlimmere „stagnierende“ Kieze.

Auch in Neukölln war es wiederholt zu Gewalttätigkeiten gegen Beamte gekommen. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky warnte aber davor, die Ereignisse in der Wrangelstraße mit den Unruhen in Pariser Vororten vor einem Jahr zu vergleichen oder „den Islam dafür verantwortlich zu machen“. Er sagt: „Das Problem liegt im Werteverfall, der dazu führt, dass staatliche Ordnung nicht mehr akzeptiert wird.“ In Neukölln hätten „zusammengerottete Gruppen“ im Rollbergviertel und in der Sonnenallee sogar versucht, „Gefangene zu befreien“. In Gebieten mit „sozialen Verwerfungen meint jeder, er kann sich mit der Polizei prügeln“, so Buschkowsky. Da dürften sich die Täter aber auch nicht wundern, „wenn sie mal einen auf den Kopf kriegen“.

Das Internetcafé Ecke Oppelner Straße ist der Treffpunkt der türkischen Jugendlichen in der Wrangelstraße. „Wir hatten schon öfters Ärger, leider“, sagt der türkische Betreiber. Ruhig sei es nie. Er habe häufiger die Polizei rufen müssen, weil einige der Jugendlichen „keinen Respekt gegenüber anderen Menschen haben“, sagt er. Gewalt sei hier an der Tagesordnung. Das räumt auch einer der Männer vor dem Café ein: „Natürlich, wegen der Probleme zu Hause, in der Schule. Oder aus Langeweile“, sagt der 31-jährigen Senol Kayaci. Die Jugendlichen aus der Straße hätten keinen Ort, wo sie mit Kumpeln „abhängen können“.

Kayaci spricht gut Deutsch. Und er ist engagiert: Er hat das Music-Label „36 Kingz“ für Kinder im Kiez gegründet. Im Jugendzentrum „Kreuzer“, im Görlitzer Park, bietet er einen Graffiti-Kurs an. Er hat selbst einen achtjährigen Jungen. Trotzdem glaubt er, dass Jugendlichen von der Stadt aufgeben werden. Auch vom Quartiersmanagement: „Das ist doch nur für Künstler und Kreative im Kiez da“, sagt er. Also bleibe nur die Straße.

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