Kampf um Rechte für Defa-Filme : Das vergessene Archiv

Rose Berger-Fiedler war einst Dokumentarfilmerin der Defa. Die Rechte an ihren Werken hat sie nicht. Also bewahrt sie die 16-Millimeter-Streifen einfach bei sich zu Hause auf.

Christophe Lamfalussy
Seit 1998 hat sich die DEFA-Stiftung zum Ziel gesetzt, DEFA-Filme zu erhalten und sie für die Öffentlichkeit als Teil des nationalen Kulturerbes zugänglich zu machen. Rose Berger-Fiedlers Filme sind noch nicht alle dabei.
Seit 1998 hat sich die DEFA-Stiftung zum Ziel gesetzt, DEFA-Filme zu erhalten und sie für die Öffentlichkeit als Teil des...Foto: dpa

Wie eine Stola um die Schultern einer Frau rankt sich Efeu um einen Stapel Filmrollen in der kleinen Gartenhütte in Marzahn. Durch die Feuchtigkeit kleben die Filmstreifen aneinander. Sie sind das Leben der jüdisch-polnischen Filmemacherin Rose Berger-Fiedler. 18 Jahre lang arbeitete sie für die Dokumentarfilmabteilung der Defa, der Filmfabrik der DDR. Doch die Rechte an ihren eigenen Filmen hat die heute 70-Jährige nach der Wende nie bekommen. Also bewahrt sie die 16-Millimeter-Filme bei sich zu Hause auf. Ihr Garten ist zum persönlichen Archiv geworden.

Treuhand sieht Filme als Eigentum der DDR

Ihr Wohnzimmer in dem kleinen Haus am Stadtrand ist vollgestopft mit Nippes, Zimmerpflanzen und Erinnerungsstücken. Auf dem Sofa döst eine Katze. Berger-Fiedler erzählt begeistert von ihren Filmen. 25 Jahre nach dem Mauerfall hofft sie noch immer, dass ihre Werke nicht weiter verkommen müssen. Doch die Treuhand betrachtete bei der Wiedervereinigung die von der Defa gedrehten Filme als Eigentum des ostdeutschen Staates und sprach den Regisseuren alle Rechte ab. „Rose Berger-Fiedler hat ihr Urheberrecht aufgegeben, als sie das Studio der Defa betrat, bei der es sich um eine staatliche Einrichtung handelte“, erklärt Ralf Schenk, Leiter der Defa-Stiftung. Die Stiftung wurde im Dezember 1998 von der deutschen Regierung gegründet, um den Filmbestand der ehemaligen DDR zu verwalten. Die meisten der Filme wurden von der Stiftung digitalisiert. „Wir haben über 12 000 Filme gelagert, darunter auch einige von Rose Berger-Fiedler“, sagt er.

"Wir haben keine Propagandafilme gemacht"

Ihre Filme. Staatseigentum? Berger-Fiedler schüttelt den Kopf. „Wir haben keine Propagandafilme gedreht“, sagt sie. „Wir hatten eine Filmsprache, für die sich der Westen interessierte.“ Ihr Dokumentarfilm über den jüdischen Friedhof in Weißensee machte damals sogar auf einem Filmfest in Baden-Baden Eindruck, erinnert sich Berger Fiedler. Sie erinnert sich gern. Auch wenn sie manchmal zensiert wurde. Ausgebildet in Leipzig gehörte sie zu jener Künstlergeneration, die versuchte, den winzigen Freiraum in der sozialistischen DDR auszunutzen. Einmal drehte sie einen Film über das Bündnis von DDR und Sowjetunion. Er begann mit dem Satz: „Die Russen sind dreimal nach Berlin gekommen.“ Bei der Vorführung in der Sowjetunion war der Satz verschwunden. „Sie haben auch einen Satz aus der Bibel herausgeschnitten, den ich für einen Film über das Oratorium ,Messias’ von Händel ausgewählt hatte“, sagt sie. Er lautete: „Das Volk wartet auf das Licht am Ende.“

Der Bundesrepublik hat sie nie verziehen

Fast 20 Jahre lang filmte Rose Berger-Fiedler, Mitglied der SED, das Leben in der DDR. Sie drehte vier Filme über die Synagoge in der Oranienburger Straße und ihren Wiederaufbau. Damals zählte die jüdische Gemeinschaft in Ostberlin gerade einmal 200 Mitglieder und die einzige Synagoge war die in der Rykestraße. „Das waren deutsche Juden, die in der DDR ein neues Deutschland aufbauen wollten“, sagt sie.

Nun vergammeln die Aufnahmen in ihrem Garten. Für die Restaurierung der Filme hofft sie auf Unterstützung von der EU oder einer privaten Organisation. Mit der Bundesrepublik hat sie abgeschlossen. Ihr bleibt nur die Bitterkeit darüber, wie die Wiedervereinigung abgelaufen ist. „Für mich ist das ein anderes Land. Ich fühle mich hier nicht zu Hause“, sagt sie. Sie möchte an der Seite ihres Vaters beerdigt werden. „Ich habe in sechs Ländern gelebt“, sagt sie. „Mein Zuhause ist in Polen.“

Der Autor Christophe Lamfalussy arbeitet für die Brüsseler Zeitung "La Libre Belgique". Mit dem Programm "Nahaufnahme" des Goethe-Instituts war er als Gast-Journalist beim Tagesspiegel tätig.

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