Kampf ums Bleiberecht : Auf der Flucht vor der Familie

Der Petitionsausschuss berät über den Fall des Indonesiers Herry H. Dem Homosexuellen drohen Abschiebung und Zwangsheirat.

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Herry H. rennt. Jeden Tag zwei Stunden: „Nur dann fühle ich mich frei“, sagt der 31-Jährige aus Indonesien. Vielleicht rennt er auch, um anzukommen. In Berlin und bei sich selbst. Gerade erst hat er angefangen zu begreifen, dass seine Homosexualität keine ansteckende Krankheit ist: „Dafür hält man es in Indonesien. Auch meine Familie denkt so und will mich dort mit einer Frau verheiraten, die ich nicht kenne.“ Seit acht Jahren war er nicht mehr dort. Doch nach 13 Jahren in Berlin soll Herry H. abgeschoben werden. Seit Dienstag befasst sich der Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses mit seinem Fall. Die Härtefallkommission hat sich zwar schon dafür ausgesprochen hatte, ihm eine Aufenthaltsgenehmigung zu gewähren. Die Innenverwaltung ist dieser Empfehlung jedoch nicht gefolgt. Mehr als eine Empfehlung kann auch der Petitionsausschuss nicht aussprechen. Das werde voraussichtlich erst in der nächsten Woche geschehen, heißt es beim Flüchtlingsrat.

Herry H. hat viele Unterstützer: Mehr als 1700 Menschen haben eine Petition an Innensenator Frank Henkel (CDU) unterschrieben. Fabio Reinhardt, flüchtlingspolitischer Sprecher der Piraten-Fraktion schreibt in einem Blog, man müsse Herrys „drohende Zwangsverheiratung“ verhindern. „Erst im März 2011 hat der Bundestag seine Absicht betont, Opfer von Zwangsheirat besser zu schützen“, erklärt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg. Deshalb müsse „Herry H. eine Aufenthaltsperspektive in Deutschland“ erhalten. Es gehe um ein „selbstbestimmtes Leben für Herry H. “, sagt Traudl Vorbrodt, ehemalige Sprecherin des Flüchtlingsrats Berlin. Martina Mauer vom Flüchtlingsrat fürchtet im Fall einer Abschiebung um H.s Gesundheit.

Herry H.s Leben wurde bislang von Eltern, Großeltern und mehr als 30 Onkeln und Tanten bestimmt: „Ich hatte nie eine eigene Wahl. Sie wollten, dass ich in Deutschland Informatik studiere und anschließend viel Geld verdiene.“ Einige Jahre lernte er sieben Tage die Woche für seine Kurse an der TU, verdrängte seine sexuelle Orientierung. „Obwohl ich das Studium nie mochte.“ Dann erlitt er einen Burn-out. „Sogar im Schlaf habe ich weiter Formeln gelernt.“ In den Prüfungen erinnerte er sich trotzdem an nichts. „Ich konnte so nicht weitermachen.“ Vor einem Jahr hörte er auf zu studieren. Für seine Aufenthaltsgenehmigung war der Erfolg im Studium Bedingung.

Seitdem hat er ein Praktikum in einem Hotel gemacht – als Koch. Man habe ihm dort einen Ausbildungsplatz angeboten. „Ich wollte immer Koch werden.“ Aber: „Küchenarbeit gilt in Indonesien als weiblich und war für mich verboten.“ Für „weiblich und komisch“ hätten ihn Familie und Mitschüler gehalten. In Indonesien bekomme man aber ohne Fürsprache durch Familie oder Freunde niemals einen Job, sagt Herry H. „Die Familie ist das soziale Netz. Wenn meine Angehörigen wüssten, dass ich schwul bin, psychisch krank und mein Studium nicht beendet habe, würden sie mich verstoßen.“

Gerade beginnt er eine Psychotherapie. Er arbeitet ehrenamtlich im Sonntagsclub, einem Veranstaltungszentrum für Lesben und Schwule und hat Freunde gefunden. Einer von ihnen, ein ehemaliger Kommilitone, unterstütze ihn seit er wegen der fehlenden Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr in seinem alten Job in einem Coffeeshop arbeiten darf. Geld vom Staat will er auf keinen Fall in Anspruch nehmen – und von seiner Familie auch nicht. Daniela Martens

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