Berlin : Kampfansage gegen Kreuzberg

Linksradikale haben die „revolutionäre Demo“ abgesagt. Doch das bedeutet nicht, dass der 1. Mai in diesem Jahr gewaltfrei verläuft

Jörn Hasselmann

Die Revolutionäre sahen vor Gericht keine Chance. Deshalb sagten sie gestern die für 18 Uhr geplante zweite „Revolutionäre 1. Mai-Demo“ kurzerhand ab. Zuvor hatte die Polizei die komplette Route verboten und eine Ersatzstrecke angeboten. Diese war den Mannen um Anmelder Gunnar Krüger aber nicht genehm, „zu weit weg vom Kiez“, hieß es. Dass es in diesem Jahr keine Randale geben wird, bedeutet die Absage allerdings nicht. Schon im vergangenen Jahr hatten etwa 500 Gewaltbereite eine illegale „Spontandemo“ durch das „Myfest“ veranstaltet, und es flogen die ersten Steine. Unverblümt gab es gestern eine Kampfansage gegen das Myfest. Dieses von einer bunten Mischung aus Kiezinitiativen, dem Bezirk und Anwohnern organisierte Fest ist den Revolutionären verhasst. „Organisiert von Staatsschutz und Polizei“, heißt es auf einer linksradikalen Internetseite, „nur um die Demo verbieten zu können“.

Die Autonomen wollen es nicht wahrhaben, dass die Kreuzberger den Krawall satt haben. Im Vorjahr gab es erste Ansätze, dass türkische und deutsche Anwohner den Chaoten entgegentraten.

In all den Jahren seit 1987 hatten sich die Krawallmacher darauf verlassen können, dass Kreuzberger, die sich trotz allem abends auf die Straßen trauten, ihnen Deckung geben. Die Front verlief klar: Kreuzberg gegen die Polizei. Nun heißt es: Anwohner gegen Autonome. Wie berichtet, halten es szenekundige Polizeibeamte sogar für möglich, dass Anwohner die Chaoten regelrecht verprügeln werden. Denn weder Altlinke noch türkische Familienväter wollen sich ihren Mittelklassewagen oder den Imbissstand klein schlagen lassen.

Das Fest bietet deshalb in den Augen der Polizei erstmals eine realistische Chance, das Gewaltritual am 1. Mai zu beenden. Wenn nämlich alle Anwohner einig sind, „das ist auch am 1. Mai unser Kreuzberg“. Die Autonomen werden es in diesem Jahr noch schwerer haben, sagte ein Polizeibeamter.

Trotzdem gibt es keine Versuche, die seit zehn Jahren bestehende Spaltung der extremen Linken zu überwinden. 1996 hatte man sich über die „Gewaltfrage“ zerstritten, seitdem demonstrierte man getrennt. Bei der traditionell um 13 Uhr startenden ersten „revolutionären Demo“ wollen die verhinderten 18-Uhr-Organisatoren auch in diesem Jahr nicht mitlaufen. Denn die dürfte auch in diesem Jahr friedlich verlaufen.

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