Berlin : Kampfhund-Debatte: 1816 Angriffe allein in Berlin

Ingo Bach

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt: 1998 riss im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg ein Pitbull-Mischling einem 42-jährigen Mann eine klaffende Fleischwunde ins Bein und griff auch einen Passanten an, der dem Opfer zu Hilfe eilte. Vor wenigen Tagen wurde die Halterin zu einer zweieinhalbmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt und der Hund an einen neuen Besitzer vermittelt. Soweit die Nachricht. Doch warum wurde das Tier nicht eingeschläfert? Und was geschieht eigentlich sonst mit bissigen Hunden?

Im letzten Jahr griffen aggressive Vierbeiner in Berlin 1816 Mal einen Menschen an. Allein der Amtstierarzt von Kreuzberg, Jürgen Bach, musste 350 beißwütige "Lieblinge" begutachten - 15 von ihnen ließ er beschlagnahmen. "Die Gefahr für die öffentliche Sicherheit war einfach zu groß." Bach plädiert für ein hartes Durchgreifen: "Hunde dürfen Menschen nicht beißen - wir leben nicht in einer Hundegesellschaft."

Der Veterinär hält nichts von Rasselisten. "Jeder Hund ab einer Schulterhöhe von 45 Zentimetern und 16 Kilogramm Körpergewicht sollte Auflagen bekommen." Die Berliner Amtstierärzte verfügen laut Gesetz über ein ganzes Arsenal von Maßnahmen, um "auffällige Hunde" zu disziplinieren. Die reichen von Leinenzwang bis zur Todesspritze. Beißt ein Hund zum ersten Mal zu, dann bestellt ihn der Tierarzt gemeinsam mit dem Besitzer in seine Praxis. "Ich schau mir jeden dieser Hunde genau an", sagt Bach. Dabei geht es zum einen um die Qualifikation des Halters und zum anderen um Verhaltensauffälligkeiten der Hunde. Dann werden Auflagen angeordnet, zum Beispiel Leinen- und Maulkorbzwang oder auch der Besuch eines Hundetrainings. "Eine Kopie des Bescheids geht an die Polizei, wo sie in einem dicken Buch gesammelt werden. Die Beamten können dann nachschlagen." Tierarzt Bach äußert sich vorsichtig, wenn man ihn nach Praktikabilität dieses Amtsweges fragt. "Sicher haben die Polizisten anderes zu tun, als darauf zu achten."

Nicht immer zeigen sich die Halter einsichtig. "Manchmal kommt man sich vor, als ob man mit kranken Kindern spricht", meint Gabriele Lötsch, Bachs Kollegin für den Stadtbezirk Friedrichshain. "Die begreifen gar nicht, worum es geht." Und wenn die Halter nach der Standpauke aus dem Amt gehen, weiß die Tierärztin nicht, was sie hinter der nächsten Ecke treiben.

"Tötung ist tierschutzgerechter"

Aber nach der dritten Anzeige ist Schluss. "Dann wird das Tier beschlagnahmt und im Tierheim verwahrt", sagt Jürgen Bach. Wenn der Hund nicht resozialisierbar ist, bleibt er hinter Gittern. "Da sitzt der Hund jahrelang in der Sammelstelle, da ist manchmal die Tötung die tierschutzgerechtere Lösung", ist Tierärztin Lötsch überzeugt. Zweimal gab die Ärztin im letzten Jahr die Anordnung für die tödliche Spritze. "Solche Tiere will doch niemand nehmen. Ich habe sogar versucht, Hunde an die diversen Selbsthilfegruppen von Kampfhundehaltern zu vermitteln. Aber die wollen sie auch nicht."

15 Hunde ließ ihr Kreuzberger Kollege Bach im letzten Jahr töten. "Ein Hund ist bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr vielleicht noch umzuerziehen - danach ist der Ofen aus." Im Amtsdeutsch heißt das "Verwerten". Doch muss das nicht unbedingt töten bedeuten, sondern auch die Weitergabe des Hundes an Dritte. Das rettete auch dem aggressiven Pitbull-Mischling das Leben. Die Zuständigkeit ging an den Neuköllner Amtstierarzt über und der gab das Tier an einen Kampfhund-Pflegeverein weiter. "Er ist aus Berlin raus", versichert der Veterinäramts-Leiter Rolf Linse. "Wir wollen damit verhindern, dass der Hund duch Zufall vom Opfer erkannt und weggefangen wird."

Doch an wen genau der Hund übergeben wurde, daran kann sich der Amtsleiter nicht mehr erinnern. "Wenn das Tier weg ist, dann interessiert es mich nicht mehr."

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