Berlin : Kampfrentner

Marc Neller

„Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten“ – der Untertitel ihres Buches sagt viel über Marie-Luise Scherer: Eine Vielschreiberin ist die 1938 geborene Journalistin und Schriftstellerin nie gewesen. „Der Akkordeonspieler“ ist ihr zweites Buch. Der Band versammelt Erzählungen und Reportagen aus vier Jahrzehnten – die bis auf das Titelstück alle schon gedruckt wurden.

Marie-Luise Scherer schreibt wenig, sehr präzise und stilistisch brillant. Die Sätze sitzen wie Handschuhe, wenn sie mit knappen Formulierungen und entlarvenden Zitaten die Rivalitäten unter Berliner Rentnerinnen auf einer Herbstwanderung beschreibt oder den Glamour der Pariser Modeschöpferszene in den 80-ern. Behutsam pirscht Scherer sich an unvermeidliche Katastrophen heran, die großen und die alltäglichen. Allerdings ist diese Stärke gleichzeitig auch eine Schwäche. Denn die epische Eröffnung einiger Geschichten wirkt heute überholt, trägt dazu bei, dass ein Text wie „Dinge über Monsieur Proust“ zerfasert. So bleiben von dem Werkquerschnitt eine starke Titelgeschichte und eine Hand voll sehr guter kleinerer Porträts und Reportagen. Andere Texte wirken dagegen, als bildeten sie den dazugehörigen Dokumentarteil: eine Erinnerung an Zeiten, in denen für journalistische und literarische Texte ein anderes Tempo galt.

Marie-Luise Scherer: Der Akkordeonspieler. Wahre Geschichten aus vier Jahrzehnten. Die andere Bibliothek, Eichborn, Frankfurt am Main. 405 Seiten, 27,50 €.

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