Berlin : Kampftrinken mit süßem Gift

Berliner Ärzte registrieren immer jüngere Alkoholopfer. Experten: Mixgetränke erleichtern den Einstieg

Ingo Bach

Seine jüngste Patientin war elf Jahre alt – und hatte 2,3 Promille Alkohol im Blut. Lebensgefahr. „Es ist erschreckend, wie früh Jugendliche mit dem Alkoholkonsum beginnen“, sagt Lutz Bauer, Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Vivantes Klinikum Hellersdorf. Und dabei geht es oft nicht um den Spaß, sondern um reines „Kampftrinken“ nach dem Motto: Wer hält am längsten durch? Nach den Erfahrungen des Jugendpsychiaters testen immer mehr Heranwachsende so die Grenzen ihres Körpers aus. Allein im Hellersdorfer Klinikum müssen die Jugendpsychiater monatlich zwei bis drei Kinder und Jugendliche behandeln, die zuvor Alkohol in großen Mengen getrunken haben. Und das Einstiegsalter sinkt, besonders durch die süßen Mixgetränke in bunten Flaschen, die in den Diskos herumgereicht werden. Die so genannten Alcopops, die unter Namen „Vibe“ oder „Breezer“ firmieren, schleusten den Rum, Wodka und Whiskey quasi durch die Hintertür in die Körper, sagt Matthias Apel, Mitarbeiter der Berliner Drogenbeauftragten. „Bier schmeckt bitter und Spirituosen sind irrsinnig scharf – deswegen lassen Heranwachsende diese Getränke stehen.“ Anders die Fertigcocktails, sie übertünchen den unangenehmen Geschmack mit Zucker und Frucht.

Auch in anderen Berliner Krankenhäusern registrieren die Ärzte immer wieder besonders junge Alkoholopfer. Vor einem Monat wurden an einem Wochenende gleich zwei 16-Jährige mit Alkoholvergiftung in die Rettungsstelle der Charité in Mitte eingeliefert. Die Regel aber sei das nicht, sagt der Leiter der Notaufnahme, Helmar Wauer. „Normalerweise kommen monatlich ein bis zwei Jugendliche mit Alkoholvergiftung zu uns – Mitte ist in der Beziehung eher unauffällig.“

Dass die Konsumenten immer jünger werden, bestätigt auch eine gerade erst veröffentlichte Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation, die die Universität Bielefeld vorlegte. Danach gaben 3,6 Prozent der befragten Elfjährigen an, regelmäßig Alcopops zu trinken. Unter den 15-Jährigen ist es bereits jeder siebente. Obwohl die Getränke erst seit wenigen Jahren in Deutschland auf dem Markt sind, rangierten sie hinter Bier an zweiter Stelle bei den Jugendlichen – weit vor Spirituosen, Wein und Sekt.

In dem frühen Einstiegsalter liegt nach Expertenmeinung auch die große Gefahr. „Je früher ein Mensch beginnt, Alkohol zu konsumieren, desto größer ist die Gefahr von Abhängigkeit und Missbrauch“, sagt der Berliner Alkoholsuchtexperte Apel. Denn weder die Psyche noch der Körper eines Jugendlichen seien entwickelt genug, um den Alkoholgefahren zu begegnen. Und das Marketing der Hersteller ziele auf diese Zielgruppe ab: „Es geht den Firmen darum, neue Kunden heranzuziehen“, sagt Apel. Offenbar mit Erfolg, denn die Unternehmen meldeten in diesem Jahr Rekordabsatzzahlen.

Auch bei der Bundesdrogenbeauftragten Marion Caspers-Merk hat man eine eigene Studie zu den Alcopops in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sollen im Dezember vorliegen. Sollte sich der Trend bestätigen, dann denke man zum Beispiel über eine Extrasteuer für die Mixgetränke nach.

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