Berlin : "Kanak Attak": Caipirinha und Rassismus

Auf den Gängen der Volksbühne hängt satt der Duft von Knoblauch und macht Urlaubslaune. Drinnen im Roten Salon geht es um die Deportation von Juden in die Todeslager. Draußen im Sternfoyer nippen junge Leute an Caipirinhas. Drinnen im Grünen Salon läuft ein Film über Rassismus im Sport. Verwirrung. Ist dies nun eine Veranstaltung über die Ausgrenzung von Ausländern in Deutschland? Oder eine Party?

"Beides", sagt Manuela Bojadzijev, Mitglied von "Kanak Attak", einer bundesweiten Organisation, die vor drei Jahren mit "antirassistischer Arbeit" begonnen hat. Kanak Attak heißt auch die Veranstaltung, die an diesem Freitagabend die ganze Volksbühne einnimmt.

Ein Klassentreffen von Betroffenen, die sich über die Ungerechtigkeit der Welt ausheulen, sei dies nicht, sagt Manuela Bojadzijev. Im Gegenteil: "Wir wollen zeigen, dass Migranten in Deutschland sich schon immer gegen Rassimus zur Wehr gesetzt haben." Bojadzijev selbst ist auch kämpferisch: Allein auf die Frage nach der Herkunft ihres Nachnamens reagiert die 28-jährige Studentin gereizt. Damit mache man sie zum Exoten. Ständig passiere ihr das. "Warum ist es in Deutschland immer noch nicht normal, anders zu heißen?" Nebenbei: Bojadzijev ist Deutsche. Ferne Vorfahren waren irgendwann aus Bulgarien gekommen.

Um sechs Uhr hatte die Veranstaltung begonnen. Elf Stunden lang gab es Lesungen, Vorträge, Filme und Disco. Am nächsten Morgen hieß es, rund 1600 Leute seien da gewesen. Viele Frauen mit raspelkurzen Haaren und Dritte-Welt-Laden-Klamotten. Viele Männer mit langen Haaren. Und Leute wie Ali Demir, "Antifaschist". Weil der 38-jährige Elektrotechniker viel länger als deutsche Kollegen an der gefährlichen Schleifmaschine habe arbeiten müssen, ist er "politisch aktiv geworden". "Der Meister hat zu mir gesagt, ich kann ja in die Türkei gehen, wenn ich das nicht machen will." Jetzt gehört Demir einer kleinen Aktivisten-Gruppe an, deren Namen er nicht nennen möchte. Die Diskussion um die Frage, wie weit sich Ausländer integrieren sollen, versteht er nicht. "Ich habe mich doch integriert. Ich spreche Deutsch. Ich arbeite für Deutsche. Trotzdem bin ich nicht voll akzeptiert."

Theresa Bollmann steht daneben und hört zu. Die 21-jährige Studentin mit den blauen Haaren und dem pinken Flusenpelz ist aus München gekommen, weil sie Kanak Attak "ein krass-geiles Projekt" findet. Einwanderungspolitik bedeutet für die Aktivistin bei "Linksruck" vor allem Abschiebeknäste. Mitgebracht hat Therese ihre Austauschfreundin Joyce Matondane aus Tansania, der sie geraten hat, ihren Pass immer mit sich herumzutragen. Das hat Therese auf Münchener Bahnsteigen gelernt, wo "komischerweise immer die Linken und Schwarzen nach Drogen durchsucht" werden.

Egal, wen man anspricht: Alle sind politisch engagiert. Eine Art Klassentreffen ist es also doch geworden. Therese sagt: "Schade, dass Kanak Attak nicht Leute anzieht, die Antirassismus noch lernen müssen."

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