Berlin : Kanne, Wanne, Tanne

Wie lernen Kinder Deutsch? Auf Wedding-Tour mit Bildungssenator Böger

Annette Kögel

Clemens zieht das Kärtchen mit dem Bild aus der Kiste. „Das ist eine Kanne!“ Was sich darauf reime, fragt Erzieherin Antje Fleck in die Runde. „Wanne“, ruft ein Kind, und auch der sechsjährigen Saida fällt gleich etwas ein: „Tanne!“

Vor kurzem hätten viele der Kitakinder mit Migrationshintergrund den Gegenstand vom Kärtchen nicht auf Deutsch benennen können. „Inzwischen werden wir immer darauf angesprochen, wie gut unsere Kinder doch reden“, sagt Marion Thonig, stellvertretende Leiterin des landeseigenen Kindergartens an der Weddinger Liebenwalder Straße 45. Das hörte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gern, der sich gestern zwei Angebote vorschulischer Sprachförderung anschaute: In der Kita das „Würzburger Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den Erwerb der Schriftsprache“ sowie „Deutsch als Zweitsprache (DaZ)“ an der nahe gelegenen Erika-Mann-Grundschule.

In der Kita im tiefsten Wedding schwören die Erzieherinnen seit drei Jahren auf das Sprachtraining im Jahr vor der Einschulung, das sich Leiterin Magdalena Bleu zufolge durch den ganzen Tag zieht. „Wörter helfen die Welt entdecken“, steht auf einem Zettel an der Wand – die Pädagoginnen nehmen das wörtlich. Jeden Morgen versammeln sich die Kinder im Aktionsraum unter dem von der Decke baumelnden Buchstaben, mit dem ihr Name beginnt. Auch Aysan, Sultan und Ceren sprechen akzentfrei, und alle können zu den Silben ihres Wortschatzes klatschen, zu dem auch Verben wie „bepflanzen“ und „unterscheiden“ gehören. „Wir geben uns hier nicht mit einem Nicken oder Kopfschütteln zufrieden, sondern forcieren Gespräche“, sagt Thonig.

Kinder lernen Sprache mit den Sinnen, das weiß Karin Babbe, Leiterin der theaterbetonten Erika-Mann-Grundschule an der Utrechter Straße 25 – laut Böger einer der „Renner“ unter Berlins Schulen. Zum Einzugsbereich gehören zehn Kitas. Karin Babbe sagt, dass die Kinder aus der Liebenwalder Straße den anderen oft voraus seien. Babbe zufolge haben in den ersten Klassenstufen zwei Drittel der zu 85 Prozent aus Migrantenfamilien stammenden Schüler „DaZ“-Förderbedarf: drei Stunden am Tag für fünf Monate. Nach der 6. Klasse haben 65 bis 80 Prozent aller Kinder eine Gymnasialempfehlung. Um die Eltern einzubinden, müssen die einen Bewertungskatalog erst mit dem Kind, dann auch mit dem Lehrer durchsprechen. „Das machen so gut wie alle“, sagt Babbe.

In der „DaZ“-Lerneinheit „Wasserexperten“ lässt Karin Babbe gemeinsam mit Erzieherin Katharina Rost die Kinder im Vorschulalter erproben, ob Korken oder Sand schwimmen – und benennt etwa mit Vanessa und Daniela am Laptop Geräusche: „Das Wasser fließt, spritzt, blubbert.“ Mit im Raum sitzt ein Junge, der bei den Großeltern in der Türkei aufwuchs und sich nicht mit seiner arabischen Mutter verständigen kann. Auch er werde von „DaZ“ profitieren, meint Babbe: „Sozial am stärksten belastete Kinder brauchen die besten Schulen.“

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