Berlin : Kanonen und Karpfen

Peitz war einst eine gewaltige Festungsstadt – der dicke Turm und einzigartige Teiche sind geblieben

Christoph Stollowsky

Michael Wetzmann behielt als einziger die Nerven. Als der rote Hahn am Abend des 25. Februar 1610 über Peitz tobte und die Löschbrunnen nichts mehr hergaben, fielen ihm plötzlich die vielen Fässer mit Dünnbier im Keller des Amtshauses ein. Wetzmann hetzte die Löschtrupps ins Getränkelager. Sie schleppten den leicht alkoholischen Getreidesud hoch hinauf zum Dach des wichtigsten Gebäudes ihrer Stadt – dem Amtskornboden mit einem riesigen Vorrat von Mehl und Korn. Sie schlugen die Fässer auf, so dass es heftig spritzte, und duschten mit dem damaligen Volksgetränk Nummer 1 die Ziegeln und Mauern. So bewahrten sie die Peitzer Vorratskammer vor den Flammen. Andernfalls hätten die Bürger nach dem großen Brand auch noch Hunger gelitten.

Als Dankeschön schenkte Kurfürst Johann Sigismund dem beherzten jungen Mann das Baumaterial für ein Eigenheim in bester Lage – das heutige „Wetzmann-Haus“ am Markt 4. Liebevoll hat man vor einigen Jahren dessen Portal mit den Sitznischen restauriert. Hier mag sich der Held des Stadtbrandes in späteren Jahren entspannt haben, wenn er von der Arbeit als Kornschreiber nach Hause kam. Andere Mußeplätzchen gab es kaum. Drum herum wurde exerziert und kommandiert.

Wetzmann lebte in einer Festungsstadt. Ein paar Schritte von seinem Heim entfernt gab es Wassergräben und gewaltige Fortifikationen. Rund 50 Jahre zuvor hatte der damalige Herrscher im südlichen Brandenburg, Markgraf Johann V., das verträumte Städtchen regelrecht eingemauert: Rundherum ließ er eine der stärksten Festungen Europas errichten – das lausitzische Mantua. Es galt als uneinnehmbar. Bis zu 800 Soldaten waren dort stationiert, 600 Peitzer lebten in den Wohnhäusern der Unterfestung, die man nach dem Brand schnell wieder aufgebaut hatte. Die Festung blieb vom Feuer nahezu verschont.

Vermutlich hat Wetzmann in Peitz noch den Dreißigjährigen Krieg im sicheren Schutz überlebt. Erst mehr als 100 Jahre später, im Siebenjährigen Krieg, musste die Festung 1758/59 vor den Österreichern kapitulieren, weil Friedrich der Große alle kampffähigen Bewacher zu Feldzügen abkommandiert hatte. Nur ein Trupp Invalider war geblieben.

Die Sieger wollten viele Festungswerke sprengen, doch ein „Sturzregen mit erschrecklichem Donner“ verhinderte das Vorhaben. Zu alledem wurde ein Rittmeister „bey der Veste von einem Wetter Strahl getödtet“ – die abergläubischen Österreicher zogen unverrichteter Dinge ab.

Dadurch gewann Peitz aber nur eine Gnadenfrist. Die Preußen selbst begannen dort vier Jahre später mit der Entmilitarisierung. Es fehlte Geld, um die Anlage so zu modernisieren, dass sie der fortentwickelten Artillerie standhalten konnte. Friedrich der Große ließ sie schleifen und betrieb eine erfolgreiche Wirtschaftsförderung, indem er Tuchmacher in die Stadt holte. Zuvor war das Militär in Peitz der Hauptarbeitgeber gewesen.

Hundert Jahre zog sich der Abbruch hin, dann war von der Feste fast nichts mehr zu sehen. Einzig der dicke Turm blieb gut erhalten: ein starkes Stück Brandenburg. Die in ganz Europa bekannte Kleinstadt geriet in Vergessenheit. Das Wechselspiel der Geschichte hatte sie schlagartig erhoben und dann fallengelassen.

Heute kann man in Peitz auf Spurensuche gehen und sich recht gut vorstellen, wo einst die Wälle und Mauern waren. So verlaufen die Straßen noch wie zur Festungszeit. Und am Stadtrand zeugt die ungewöhnliche Wasserlandschaft der Fischteiche samt Graben und Hüttenwerk davon, wie einfallsreich das Großprojekt Festungsstadt geplant wurde.

Mehrere Einzelvorhaben waren aufeinander abgestimmt. Erst ließ Markgraf Johann V. ab 1554 einen Kanal zwischen der Spree bei Cottbus und Peitz graben – den Hammergraben. Dann wurden die Fischteiche auch als Schutz angelegt. Angreifern sollte das Wasser bis zum Halse stehen. Parallel begann der Bau des Hüttenwerkes, es sollte die Feste mit Baueisen und Munition versorgen. Für beide Projekte war der Kanal unerlässlich, er brachte Frischwasser zu den Teichen und trieb die Hammerwerke an. Ab 1559 wurde das große Bollwerk nach Plänen italienischer Baumeister in Angriff genommen – mit strenger Hand: Erschien ein Arbeiter zu spät, wurde er ausgepeitscht.

Mit Peitz und seiner etwas früher errichteten Festung Küstrin besaß der Markgraf nun zwei Stützpunkte. Nimmt man noch die Zitadelle in Spandau hinzu, deren Bau sein Bruder Kurfürst Joachim II. fast zeitgleich 1560 begann, so war die Mark hinter einem Festungsdreieck geschützt. Die Spandauer Festung blieb erhalten, in Küstrin gibt es noch stattliche Reste, beide Orte sind bekannte Touristenziele. Und Peitz? Hier bemüht man sich mit viel Engagement, die große Vergangenheit der kleinen Stadt wieder in den Blick zu bringen. „Geschichte entdecken und Wissen erleben“, heißt das Motto der zwei Museen im Hüttenwerk. Spaziergänger sind auf dem Teichlehrpfad unterwegs wie um 1900, als ein Reisebüchlein schwärmte: „Wenn die Teiche aufgestaut sind, ist das altehrwürdige Peitz ein wunderbares Ziel.“

Und der Museums-Verein vermittelt ein realistisches Bild vom Alltag in der Armee. Sogar Zinnsoldaten exerzieren im Museum im dicken Turm. Genauso, wie Kornschreiber Wetzmann das vor seinem Haus einst beobachten konnte.

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