Berlin : Kant-Kino und Filmkunst 66: Die Kinowelt gerät aus den Fugen

Amory Burchard

Der immer kleiner werdenden Berliner Kinowelt drohen neue Verluste. Nach den Schließungen von Gloria, Olympia, Marmorhaus und Filmbühne Wien stehen jetzt offenbar zwei weitere Häuser vor dem Aus. Das Kant-Kino müsse schließen, heißt es in der Branche. Der Grund: Sinkende Besucherzahlen und die Krise der Münchener Kinowelt Medien AG. Auch die Zukunft des Filmkunst 66 in der Bleibtreustraße soll nicht mehr gesichert sein.

Der Theaterleiter beider Häuser, Randolf Böttcher, sagt, das Kant-Kino sei "in der Tat akut von Schließung bedroht". Das Filmtheater in der Kantstraße habe "das Sommerloch nicht überstanden". Schon lange habe er nicht mehr kostendeckend arbeiten können. In den vergangenen drei Monaten wurden nicht einmal die Löhne der Mitarbeiter eingespielt, so Böttcher. Der Theaterleiter befürchtet, dass es für sein Kino "nicht mehr viel Hoffnung" gibt. Das gelte auch für das Filmkunst 66.

Die Besitzverhältnisse der beiden Berliner Filmtheater sind recht unübersichtlich: Wegen der geringen Auslastung - von 650 Plätzen in vier Sälen werden im Schnitt nur 200 pro Tag besetzt - hatte die Arthaus Kino GmbH das Kant-Kino im September 2000 an die MB Filmtheater Betriebsgesellschaft verkauft. Arthaus ist eine hundertprozentige Tochter der Kinowelt Medien AG, des Unternehmens also, das jetzt in finanzielle Turbulenzen geraten ist.

Bei der neuen Betreibergesellschaft des Kant-Kinos war gestern niemand zu erreichen. Am MB-Firmensitz in Herzberg im Harz meldete sich nur der Sprecher einer Dienstleistungsgesellschaft, die das Kant-Kino und das Filmkunst 66 betreut. Er könne die Schließungsgerüchte weder dementieren noch bestätigen, sagte Lars Eichhorn. Im Übrigen werde das Filmkunst 66 von einer eigenen Firma betrieben, der Action-Kino-Stadler-GmbH. Die solle in diesen Tagen einen neuen Geschäftsführer bekommen - und folglich wohl weiterlaufen.

Bei der Kinowelt in München fühlt sich Sprecher Heiner Erke unterdessen doch noch für die Berliner Häuser mitverantwortlich. Seine Gesellschaft suche derzeit mit den Kinobetriebsgesellschaften - darunter auch mit der Herzberger MB - Partner, die Kinos übernehmen könnten. Die Kinowelt Medien AG habe "ein klares Konzept für die Verschlankung der Kinoweltstruktur", sei sich aber gleichzeitig der "großen kulturellen Verpflichtung" bewusst, Programm- und Arthauskinos in Berlin zu erhalten. Dazu zählen die noch zur Kinowelt-Tochter gehörenden Multiplexkinos in der Kulturbrauerei und in Oberschöneweide.

Zurück ins Kant-Kino. Dort sind im Großen Saal schon die Lichter ausgegangen. Aus Kostengründen, sagt Theaterleiter Böttcher. Er wolle ihn aber möglichst in der kommenden Woche wieder öffnen. Der Kino-Dienstleister in Herzberg im Harz macht "technische Gründe" für die Schließung des Großen Saals verantwortlich.

Vor etwa vier Jahren schien das Kant-Kino noch in eine strahlende Zukunft zu starten. Das 1912 gegründete Haus war zuletzt 1997 bei laufendem Betrieb aufwendig renoviert worden. Bis hin zur königsblauen Wandbespannung entstand ein wunderchönes Kino wieder, das Anfang der achtziger Jahre gnadenlos verbaut worden war. Die Berliner Filmszene trauert schon jetzt um die schöne Spielstätte. "Charlottenburg", sagt Klick-Inhaber Michael Weinert, "blutet kinomäßig aus." Kant-Kino-Leiter Randolf Böttcher glaubt eher, dass Charlottenburg immer noch zu viele Kinos hat. Delphi, Astor, Cinema Paris, Kant, Klick und Filmkunst 66 machten sich mit ihren Programmen "knapp neben dem Mainstream" die Zuschauer streitig. Mehr als vier Kinos mit gleicher Programmstruktur könne die City nicht vertragen. Mit dem Aus für Kant und Filmkunst 66 käme das hin.

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