Kanzleramt : Das Volk sieht nichts

Es gibt Regeln für Firmenfeiern, Betriebssport, Kommunikation per Rohrpost: Das Kanzleramt ist auch nur ein Büro – nur eines, das stetig beobachtet wird

Matthias Oloew
Kanzleramt
Abends verwandelt sich das Kanzleramt in eine Leuchtskulptur. -Foto: dpa

Das ist der Albtraum jedes Regierungschefs: Ausnahmezustand in seinem Dienstsitz. Wie niemand sonst unter den Mächtigen der Welt hat Angela Merkel damit jedoch Erfahrung und kann dies in der kommenden Woche gleich wieder beweisen. Dann nämlich herrscht das nächste Mal Ausnahmezustand in ihrem Bundeskanzleramt: Es ist Karneval.

Die mehrheitlich aus dem Rheinland stammende Belegschaft mag auch an der Spree nicht von der lieb gewonnenen Tradition lassen und ausgiebig schunkeln. Damit das von draußen nicht jeder mitkriegt, werden die großen Fenster der Kantine abgeklebt. Man stelle sich vor, Spaziergänger am Spreeufer sehen bei der Party zu und könnten dabei den Eindruck bekommen, die Republik werde von Pappnasen regiert. Das geht natürlich nicht. Und Angela Merkel? Es ist nicht überliefert, dass sie mitschunkelt. Anders als ihr Vorgänger versucht sie jedoch, Regeln durchzusetzen. Eine davon greift im Dezember und heißt: kein Alkohol bei der Weihnachtsfeier.

Geschichten wie diese machen deutlich, dass hinter den markanten Mauern des Bundeskanzleramts gearbeitet wird wie in jeder anderen besseren Behörde auch. Natürlich gibt es die vielen wichtigen Termine, wenn die Bundeskanzlerin ihre Gäste empfängt – Händeschütteln mit dem Dalai Lama vor der Kulisse des Reichstags, Statements nach einem Gedankenaustausch in der Pressezone mit Präsidenten, Regierungschefs oder Ministern anderer Länder. Aber das Gros der Arbeitszeit im Kanzleramt verläuft denkbar unspektakulär.

Und es gibt dieselben Fragen wie anderswo, etwa: Wie sieht es mit dem Betriebssport aus? Dafür hält das Kanzleramt einen eigenen Gymnastikraum vor, den zu begutachten jedoch nur Mitarbeitern vorbehalten ist. So gesehen ist dieser Raum fast geheimer als die Geheimetage mit dem abhörsicheren Lagezentrum im vierten Stock.

Arbeiten im Kanzleramt, einer der größten und wichtigsten Regierungszentralen der Welt, bedeutet auch, arbeiten an einem Ort der langen Wege. Die Flure bringen es zusammengelegt auf einige Kilometer. Da sind die meisten Mitarbeiter heilfroh über die Rohrpostanlage. Das Mobiltelefon beim Kollegen im anderen Flügel vergessen? Macht nichts. Schnell angerufen, das Gerät in eine der kleinen Rohrpostbomben gelegt, und schon ist das Telefon wieder bei seinem Besitzer.

Einige Kanzleramtsmitarbeiter sollen sich wegen der langen Wege kleine Roller zugelegt haben, mit denen sie über die Flure flitzten. Das ist längst passé, jetzt wird wieder gelaufen. Und wenn man Pech hat, wird es ein Lauf mit Hindernissen. Beispielsweise, wenn diese Schilder mit „Achtung, Pressekonferenz! Bitte Ruhe“ auf dem Gang stehen. Dann gibt die Kanzlerin eines ihrer Statements vor der Presse ab. Und weil das in den offenen Foyers stattfindet, muss es einigermaßen ruhig sein.

Das von den Architekten erdachte und viel gelobte Konzept des offenen Hauses suggeriert nicht nur Transparenz. Zumindest in Momenten, in denen die Kanzlerin auf den Fluren mit den Mächtigen der Welt spricht, ist es für die ausgewählte Öffentlichkeit der Mitarbeiter Realität. Das gilt natürlich auch für alle anderen Termine, etwa den Auftritt der Sternsinger (hübsch, aber unspektakulär) oder das Enthüllen des Porträts von Gerhard Schröder in der Galerie der Kanzler (viel knisternder). Dort kam es im Sommer zu einer der nicht ganz spannungsfreien Begegnungen zwischen Vorgänger und Amtsinhaberin. Schröder stichelte zuerst, indem er, vor seinem Bild stehend, mit Bezug auf die leere Fläche der Kanzlergalerie erklärte, neben ihm sei ja noch ein bisschen Platz. Merkel revanchierte sich: Die Reihe sei nun komplettiert, „und wir müssen den Besuchern nicht mehr die Frage beantworten, wann wir denn endlich den Schröder aufhängen“.

Nur in den Büros ist jeder für sich. Das gilt insbesondere für Angela Merkel. Ihr Arbeitszimmer ist so groß wie ein kleines Einfamilienhaus. Rund 142 Quadratmeter misst es. Anders als ihr Vorgänger bevorzugt es die Kanzlerin, nicht am großen, fast vier Meter breiten Schreibtisch zu arbeiten, sondern am wesentlich nüchterneren Besprechungstisch. Dort können in aller Regel acht Personen Platz nehmen, und er ist näher dran am Eingang und damit am Büro des Merkel’schen Sekretariats. Und noch etwas Augenfälliges hat Angela Merkel in dem Büro geändert: Über dem Schreibtisch hängt ein Porträt von Konrad Adenauer. Gerhard Schröder hatte sich seinerzeit für den „stürzenden Adler“ von Georg Baselitz entschieden.

Nicht nur in diesem Punkt pflegt Angela Merkel ihren eigenen Stil. Die kleine Wohnung, die für Schröder im Kanzleramt mit Blick zum Tiergarten eingerichtet wurde, ist inzwischen leer und steht nun für Besprechungen zur Verfügung. Auf den von den Architekten vorgesehenen Bau eines Kanzlerbungalows im Park auf der anderen Spreeseite hat der Bund aus Kostengründen verzichtet. Heute landen an der Stelle, die Frank und Schultes für das Kanzlerdomizil vorgesehen hatten, die Hubschrauber.

Aber nicht nur die Kanzlerin nimmt Einfluss, auch ihre Staatsminister. Bernd Neumann zum Beispiel hat – eine seiner ersten Amtshandlungen – eine Deutschlandfahne hinter seinem Schreibtisch anbringen lassen. Seine Vorgängerin Christina Weiss interessierte sich mehr dafür, welche Kunst ihren Bürotrakt schmückt, und wünschte sich eine Installation: einen beleuchteten Neonschriftzug des amerikanischen Konzeptkünstlers Joseph Kosuth. Die Arbeit traf auf wenig Gegenliebe beim Sicherheitsbeauftragten des Kanzleramts, der sich an den nicht eben professionell verarbeiteten Kabeln und Lötstellen störte. Der Hinweis der Ministerin, es handle sich schließlich um die Arbeit eines Künstlers und nicht eines Elektroinstallateurs, konnte nichts ändern an der Einschätzung, das Kunstwerk sei ein Sicherheitsrisiko. Man einigte sich auf einen Kompromiss: Die Arbeit durfte ausgestellt werden, aber mit einer Sicherheitskordel rundherum und einem Warnschild „Vorsicht Lebensgefahr!“. Das muss Christina Weiss so beeindruckt haben, dass sie Otto Schily bei einem seiner Besuche von der Installation wegriss, als der sich bedrohlich nah heranwagte. Nicht nur dank dieses beherzten Einsatzes ist nie etwas passiert.

Und so ist das Bundeskanzleramt an den meisten Tagen weit entfernt von einem Ausnahmezustand. Es sei denn, es ist Karneval. Matthias Oloew

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