Berlin : Kanzlerfotograf sucht Kiste

Lothar Heinke

Der Fotokünstler sucht. Eine Ausstellungsmacherin sucht. Eine Transportfirma sucht. Und ein ganzes Museum soll auf den Kopf gestellt werden. Was vermissen sie allesamt? Eine kleine Kiste mit einer sehr alten und sehr guten "Rolleiflex"-Kamera von 1935. Eine halb abgebrannte Zigarre. Ein zerlesenes, mit Randbemerkungen versehenes Buch. Und zwölf Zeitschriften. Jedes dieser Dinge hat seine Geschichte. Wer kennt sie besser als der, dem sie gehören und der sie schmerzlich vermisst?

Konrad R. ("Rufus") Müller sagt von sich: "Ich bin kein Reporter, kein Journalist, sondern eher freischaffender Künstler." Über den 61-jährigen heißt es, er sei ein feuilletonistischer Fotograf, der verklärt und mythisiert - jedenfalls ist er Deutschlands bester und ausdauerndster Kanzlerfotograf, dem es gelungen ist, die sieben staatsmächtigen Herren von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder regelmäßig über längere Zeit bei der Arbeit und im privaten Leben mit dem Objektiv zu beobachten. Die fotografischen Porträts mit ihren subtilen Gesichtslandschaften waren Teil einer Werkschau mit 300 Bildern, die das Deutsche Historische Museum vor einiger Zeit im Kronprinzenpalais unter dem Titel "Terra cognita" gezeigt hatte. Zur Eröffnung kam der Bundeskanzler persönlich. Vor einigen Tagen hatte Gerhard Schröder wieder einmal Zeit für den Fotokünstler; beide aßen mittags ihre Curry-Wurst, und der Fotograf erfuhr beim Blick durch die Kamera einmal mehr, wie Amt und Verantwortung menschliche Züge prägend verändern: Das also ist der berühmte Herr Müller, der bei Kanzlers ein und aus geht und Fotos macht, um die sich die Magazine reißen.

Und nun erzählt er uns die Geschichte der vermissten Gegenstände, damit jeder seine Empörung nachvollziehen kann.

Die Rollei: Müllers Vater, ein Berliner Tuchkaufmann, saß während der Olympischen Spiele von 1936 im Schwimmstadion neben einem Tschechen. Der hatte den Fotoapparat, Vater Müller ein Fernglas. Olympia schafft Freundschaften und verbindet, jedenfalls tauschten am Ende des Wettkampftages die beiden Sportfreunde ihre Geräte. Alle Müllerschen Kinderbilder sind mit dieser Kamera gemacht worden, sie war bei der Evakuierung von Berlin ins Thüringische dabei und 1960 bei der Flucht in den Westen. Bei einer Audienz beim Papst im Petersdom fotografierte Konrad Müller aus der dritten Sitzreihe mit der Rollei unter dem Mantel heimlich Johannes den Dreiundzwanzigsten - "ein grauenhaft schlechtes Bild, aber mein erstes wichtiges Foto". 1965 trampte der Studiosus der Malerei nach Bonn, Kamera im Rucksack und Reporterblut in den Adern. Auf dem Marktplatz lief dem jungen Mann Kanzler Konrad Adenauer über den Weg und entkam Müllers Auslöser nicht. Das war der Beginn einer von Rainer Barzel geförderten vertraulichen Zusammenarbeit. "Adenauer hat sich später köstlich über mich und meine Arbeit amüsiert." Aber er hat sich willig ablichten lassen, wie alle Kanzler danach.

Der Zigarrenstummel ist der Rest einer der letzten Zigarren, die Ludwig Erhard geraucht hat. Bei einem großen Empfang zum 80. Geburtstag des Architekten des Wirtschaftswunders im Februar 1977 in Bonn lag das dunkelbraune Tabakstück nach der Rede Erhards auf einem Aschenbecher und verqualmte. "Da habe ich das Ding einfach mitgenommen". Das ist nun 24 Jahre her.

Und das Buch? Es ist Eugen Kogons "SS-Staat", bis heute ein Standardwerk, dessen Erstausgabe von 1948 Vater Müller seinem damals achtjährigen Sohn geschenkt hat. "Meine Eltern waren Antifaschisten, ich wurde zudem sehr früh in einem Berliner katholischen Gemeindehaus geprägt, was die Verbrechen der Nazis angeht. Kogons Buch ist ziemlich zerlesen, denn es war und bleibt das wichtigste Buch in meinem Leben". Blieben noch die Zeitschriften: zwölf Titelbilder bekannter Leute, darunter Müllers erster "Spiegel"-Titel, ein Porträt Willy Brandts von 1972.

Das alles ist weg, und Konrad Müller findet es hanebüchen, wie das Museum mit diesen Sachen umgegangen ist: "Jetzt wollen die einen Versicherungsfall daraus machen. Was ist Ludwig Erhards Zigarrenstummel wert? Vielleicht 70 Mark? Und das Buch? Und die Kamera? Vielleicht 500? Das interessiert mich doch überhaupt nicht. Ich möchte meine Sachen wiederhaben und wenigstens eine Entschuldigung der Direktion hören - im Übrigen bin ich sicher, dass die Dinge noch irgendwo im Museum sind."

Das müssten sie wohl auch, wenngleich alle Beteiligten Stein und Bein schwören, dass alles schon durchforstet wurde und mit rechten Dingen zugegangen ist: Edith Michelsen, die im Deutschen Historischen Museum für Transport und Versand der Ausstellungsgüter zuständig ist, befallen sofort "Kopfschmerzen, Herzklopfen und Magenschmerzen", wenn von Müllers Verluststücken die Rede ist. Und Dieter Vorsteher, der stellvertretende Direktor des DHM, spricht immerhin von "irgend so einer Schusseligkeit", die nun dazu geführt hat, dass "ganz Berlin den Zigarrenstummel von Ludwig Erhard sucht". Dem Museum ist die Sache furchtbar peinlich.

Wenn eine Ausstellung abgebaut wird, kommen die Dinge ins Depot. Vor dem Transport geht jedes Stück durch die Hände von Restauratoren, die die Transportfähigkeit prüfen. So war das auch mit den über 300 Müller-Objekten. Die wurden verpackt, einer "erfahrenen, zuverlässigen" Transportfirma übergeben und zum Eigentümer nach Königswinter gebracht. "Aber bei mir ist diese eine kleine Kiste nicht angekommen", sagt Konrad Müller. Ein großes Rätsel.

"Es ist das größte Übel, wenn Objekte nicht zum Leihgeber zurückkehren", meint Edith Michelsen. Dieter Vorsteher verbreitet einen Hoffnungsschimmer: "Meine zwanzigjährige Erfahrung sagt: Es findet sich alles wieder an." Fragt sich nur, wann.

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