Kanzlerin in Kreuzberg : Der Besuch der fremden Dame

Angela Merkel traf auf ihrer Bildungsreise Azubis im Wrangelkiez. Wirklich nahe kam man sich nicht.

Moritz Honert

Nicht jeder freut sich über den Besuch. Schmähworte gegen die Kanzlerin hat jemand in der Nacht an das Haus neben dem Kreuzberger Bildungswerk gesprüht. In der Ausbildungsstätte in der Cuvrystraße, in der jedes Jahr rund 950 großteils sozial benachteilige Jugendliche und Erwachsene eine Aus- und Fortbildung machen, bemüht man sich da um einen freundlicheren Ton. „Herzlich Willkommen, Frau Bundeskanzlerin“ verkündet ein Schild auf dem begrünten Innenhof.

Das Ausbildungswerk mitten im Brennpunkt Wrangelkiez war am Freitag die achte Etappe auf Angela Merkels „Bildungsreise“ im Vorfeld des Bildungsgipfels im Oktober. Auf dieser besucht die CDU-Kanzlerin Ausbildungsstätten um sich ein Bild und den Sozialdemokraten nach der Familienpolitik die Domäne Bildung streitig zu machen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schloss sich dem Besuch deshalb gerne an. Die zehn Minuten, die er vor der Kanzlerin eintrifft, nutzt er für Politik. Vor den Mikrofonen der Journalisten fordert er von der Regierung rund zehn Milliarden Euro an Investitionen in Bildungseinrichtungen.

Die Gruppe kurzhaariger Jungen in blauen Latzhosen, die im zweiten Innenhof raucht, hört ihn nicht. Worum es hier heute geht? „Ein bisschen Show machen“, sagt einer, der wie seine Kollegen seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Sie glauben nicht, dass die Bundeskanzlerin sich wirklich um ihre Belange kümmert. „Die braucht Stimmen.“ Sie grinsen, als sie hören, dass die Kanzlerin einen Eindruck von ihrem Alltag gewinnen wolle. Die Ausbildung sei gut, aber Alltag sähe anders aus. Erst kürzlich sei gestrichen worden. Neue Bilder an den Wänden gebe es auch. Eine junge Frau sagt, sie habe wegen des Besuchs ihr Piercing aus der Lippe entfernen müssen. Andere erzählen, sie wurden in ihren Räumen umgesetzt, weg von der Kanzlerin, nachdem sie sich kritisch über die Schule geäußert hätten. „Blödsinn“, sagen die Ausbilder.

Die Mehrheit der Schüler scheint jedoch eh keinen großen Wert auf Austausch zu legen. Die Frage, was sie der Kanzlerin gerne sagen würden, beantworten die meisten mit Schulterzucken. Kaum einer glaubt, dass der Besuch etwas an der als kritisch empfundenen Ausbildungssituation in Deutschland ändert.

Als Merkel dann um kurz nach neun Uhr kommt und mit schnellen Schritten, mit Wowereit und Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Kantine betritt, sind dann aber doch viele neugierig. Die Kanzlerin macht Smalltalk mit den Azubis im Gastgewerbebereich, probiert die Schutzbrillen der Metallbauer an, lässt sich von den Sorgen der angehenden Banker erzählen, redet mit Absolventen.

Nach anderthalb Stunden rühmen Merkel und Wowereit umringt von Azubis im Hof das Bildungswerk als gelungenes Beispiel dafür, wie der Weg ins Berufsleben erleichtert werden könne. Während ein Drehorgelspieler vom Nachbargrundstück aus versucht, die Erklärung mit selbstgedichteten Spotttexten zu stören, plädiert Wowereit für Chancengleichheit. Dann sind die Politiker weg, die Schüler dürfen wieder auf dem Hof rauchen, der Leierkastenmann hört auf zu spielen.

Der Leiter der Schule, Nihat Sorgeç, zieht ein positives Resumee. Er habe bei Merkel für mehr Investitionen geworben. Die Kanzlerin habe zugehört.

Das Fazit der Schüler ist nüchterner. „Wir haben hier heute Plastik bearbeitet statt Metall“, sagt einer der Metallbauer. „Alles nur Show.“ Er lässt offen, ob er seine Darbietung für Merkel oder den Auftritt der Politiker meint. Moritz Honert

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