Berlin : Kapitale Läuse

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VON TAG ZU TAG

Holger Wild fühlt sich von

einem Parasiten geschmeichelt

Wir in der Wolle gefärbten Hauptstädter vernehmen es ja immer gerne, wenn unser Riesenstädtchen – außer eben Hauptstadt zu sein – auch noch zur Hauptstadt zahlreicher anderer Phänomene geadelt wird. Gerne hören wir, auch in der Hauptstadt der Mode zu leben, der Hauptstadt der Dönerbuden, der Straßenfeste – ja, sogar die Hauptstadt der Organisierten Kriminalität oder des verworrenen Schienenersatzverkehrs zu sein, muss uns erst mal einer nachmachen. Wir recken stolz die Neese in die Höh’ – und registrieren jetzt mit schwellender Brust, dass auch niedere Tierarten unseren Ruf zu Höherem vernommen haben. Im speziellen Fall: die Wollige Napfschildlaus.

Dieses trotz des possierlichen Namens recht garstige Wesen von fünf Millimetern hat angeblich schon zwei Drittel der Berliner Straßenbäume befallen (und Berlin ist die Hauptstadt der Straßenbäume), sondert klebrige Ausscheidungen ab und saugt den Pflanzen alle Kraft aus der Rinde. Nach der Miniermotte der nächste Parasitenangriff.

Und doch: So soll es sein. Die Napfschildlaus trat nämlich erstmalig in Bonn auf, 1989, als wir noch hinter der Mauer dösten. Seitdem nennt man die Laus auch die „Hauptstadtlaus“. Danach hat sie eben den Umzug mitgemacht und gehört nun zu Berlin wie Bundestag, Botschaften und Beamte. Aber Achtung – unsere Laus hat auch einen Feind. Und den wünschen wir uns eigentlich noch lieber. Denn dann wären wir endgültig die liebenswerteste Stadt von allen: die Hauptstadt der Marienkäfer.

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