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Berlin : Karajans Kathedrale

09.12.2006 00:00 UhrVon Frederik Hanssen

Die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem wird 75 Jahre alt – weltweit bekannt ist sie als Aufnahmestudio für Klassik-CDs

Herbert von Karajan war praktizierender Katholik. Wenn er in Berlin weilte, konnte man den Maestro allerdings regelmäßig in der evangelischen Jesus-Christus-Kirche in Dahlem antreffen. In dem Backsteinbau aus dem Jahr 1931 pflegte Karajan in den sechziger und siebziger Jahren fast alle Schallplattenprojekte mit den Berliner Philharmonikern zu realisieren.

Entdeckt hatte die sakrale location sein Vorgänger Wilhelm Furtwängler. Nach dem Krieg war das ausgebombte Orchester bei der Suche nach einem Probensaal auf das Dahlemer Gemeindehaus in der Thielallee gestoßen. Für die Gastfreundschaft bedankte sich Furtwängler mit einem Benefizkonzert in der Jesus-Christus-Kirche – und verliebte sich sofort in die außergewöhnliche Akustik.

Tatsächlich hatte der Architekt Jürgen Bachmann von Anbeginn einen Akustiker in die Planung einbezogen. Gemeinsam mit Johannes Biehle entwickelte er das beachtliche, 22 Meter hohe Kirchenschiff. Vor allem dem Neigungswinkel der Holzdecke ist zu verdanken, dass der Klang hier nicht vom üblichen Kirchen-Nachhall beeinträchtigt wird, sondern brillant bleibt, ohne „trocken“ zu werden.

Der strenge Bau mit dem 44 Meter hohen Campanile ist eine echte Landmarke in der Villengegend beim Campus der Freien Universität. Dass die Kirche absolut ruhig am Rand einer Parkanlage steht, machte sie zusätzlich attraktiv für Aufnahmen. Seit Jahrzehnten geben sich hier die ganz Großen der Klassikszene die Klinke in die Hand. Peter Brehm, seit 1970 bei den Berliner Philharmonikern, erinnert sich an eine „Bohème“-Aufnahme mit Luciano Pavarotti Anfang der siebziger Jahre: Der Tenor sang damals angeblich so herzergreifend, dass Karajan beim Dirigieren die Tränen kamen. Nach der Arie drehte er sich zu dem Sänger um und sagte: „Du singst wie ein Gott. Aber warum bist du so dick?“ Worauf der Italiener lächelnd antwortete: „Spaghetti, Maestro, Spaghetti.“

Fricsay, Maazel, Abbado, Rattle waren oder sind regelmäßige Gäste in dem Gotteshaus, Swjatoslaw Richter, Mstislav Rostropowitsch, Anne Sophie Mutter, Gideon Kremer und sogar der Punkgeiger Nigel Kennedy stand hier schon vor den Mikrofonen. Thomas Quasthoff nahm in Dahlem sein Album mit Bach-Kantaten auf und hat sich für das Frühjahr erneut angesagt. Nur Arturo Benedetto Michelangeli weigerte sich, in der Kirche aufzunehmen – dabei hatte man für den exzentrischen Pianisten extra fünf verschiedene Flügel herbeischaffen lassen.

Für die Fassade vertraute der Architekt ganz auf die Struktur der roten Backsteine. Allein über dem Eingang breitet ein Bronze-Jesus seine Arme aus. Dass der Altarraum vom Glaubensbekenntnis in riesigen Lettern dominiert wird, erhielt ab 1933 besonderen Symbolwert, als Martin Niemöller und Helmut Gollwitzer, die mutigen Prediger der Bekennenden Kirche, hier wirkten.

Fast jeder Klassik-Fan dürfte bei sich im Regal Schallplatten oder CDs finden, die die Jesus-Christus-Kirche als Aufnahmeort angeben. In einem Nebenraum gleich links vom Eingang hatte sich der RIAS ein eigenes Tonstudio eingerichtet, das heute vom Deutschland-Radio genutzt wird. 1970 wurde die Orgelempore vergrößert, so dass aus dem darunter liegenden Eingangsbereich ein Foyer für die Musiker während der Aufnahme-Pausen wurde. Die Deutsche Grammophon spendierte sogar eine Küche.

Vom lukrativen Vermietungsgeschäft (850 Euro pro Tag für Sinfonieorchester) profitiert die Gemeinde allerdings nur anteilig: Die Einnahmen fließen direkt in die Kasse des Kirchenkreises Zehlendorf-Teltow. „Immerhin können wir den Kirchenraum dank der vielen Aufnahmesitzungen ganzjährig nutzen“, sagt Organistin Renate Wirth. „Während andere Gemeinden aus Kostengründen in winzigen Nebenräumen überwintern müssen, ist unsere große Halle immer geheizt.“ So spannend der Gedanke für die Kirchenmusikerin ist, dass sie ihre Kirche mit den Stars teilt, so kompliziert ist eine kontinuierliche Arbeit in der Praxis. „Als ich 1981 hierher kam, studierte ich aufmerksam die Belegungspläne – um festzustellen, dass es kaum freie Zeiten für mich zum Üben gab.“ Also ließ Renate Wirth eine echte, zweimanualige Orgel bei sich zu Hause einbauen. „Manchmal komme ich auch morgens um sechs und spiele zwei Stunden, bevor der Klavierstimmer für die nächste Aufnahmesitzung anrückt.“

Im Sommer veranstaltet sie regelmäßig eine lange Orgelnacht, rund um Neujahr spielt sie Messiaens Meditationen „La nativité du Christ“. Zur Feier des 75-jährigen Jubiläums der Jesus-Christus-Kirche bedanken sich die Orchester, die hier schon so lange Gastfreundschaft genießen, auf ihre Art: mit hochkarätigen Konzerten. Nach dem Abend der Dahlemer Kantorei am heutigen Sonnabend mit Weihnachtschorälen vor allem aus Bachs „Orgelbüchlein“ tritt am 10. Dezember das Rundfunk-Sinfonieorchester mit seinem Chefdirigenten Marek Janowski auf. Am 12. Dezember folgt das Abonnentenorchester des DSO (mit dem langjährigen Berliner Festspielchef Ulrich Eckhardt an der Orgel). Die Philharmoniker sind durch das Scharoun-Ensemble (17. 12.) und eine Formation unter der Leitung von Karl Leister (20. 12.) vertreten. Am 22. Dezember schließlich kommt das Deutsche Symphonie-Orchester mit „L’Enfance du Christ“ von Hector Berlioz.

Weitere Infos unter der Telefonnummer 84 17 050 oder www.kg-dahlem.de

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