Berlin : Karen Dorothea Gern (Geb. 1937)

„Da wird einem einfach so das Leben genommen.“

Thilo Bock

Ihr Familienname war Programm. Was Karen tat, das tat sie gern. Sie liebte ihr Leben, und sie war eine Sammlerin. Immer zu einem Schwatz aufgelegt, sammelte sie Bekanntschaften. Aus einem Anruf bei einer Servicenummer konnte eine Freundschaft erwachsen.

Sie suchte mal im Telefonbuch nach Menschen, die den gleichen Nachnamen tragen wie sie. Einer von ihnen war Pfarrer. Sie besuchte seinen Gottesdienst und sprach ihn an – und hatte einen neuen Freund gefunden.

Als ältestes von sechs Geschwistern lernt sie früh, für andere da zu sein. Der Vater ist im Krieg und dann in Gefangenschaft, die Mutter oft im Krankenhaus. Dann ist Karen für die vier Brüder und die kleine Schwester allein verantwortlich. In der Schule ist sie gut, eine lange Schulbildung ist für sie aber nicht vorgesehen. Sie ist 19, als der Vater sie für ein Jahr nach Istanbul schickt als Kindermädchen für eine deutsche Familie. Anschließend zieht sie nach Berlin, wo die Eltern früher gelebt haben, und wird Krankengymnastin. Ihren Mann Peter lernt sie bei der Arbeit kennen. Sie heiraten 1965, getraut von Pfarrer Gern.

Karen heißt von nun an Keune, bekommt drei Söhne, gibt ihre Arbeit auf – und kümmert sich auch ohne Anstellung um viele Menschen: 19 Jahre lang pflegt sie eine alte Dame, sie turnt mit behinderten Jugendlichen.

Ihr Mann Peter engagiert sich neben seiner Arbeit sehr in einer christlichen Glaubensgemeinschaft, genannt „Die neue Kirche“, und entfremdet sich so immer mehr von seiner Familie. Die Ehe wird 1988 geschieden. Ihre drei Söhne geben Karen die Kraft, die schwere Zeit durchzustehen. Sie nimmt wieder ihren Mädchennamen an. Doch mit den Jahren erwächst eine herzliche Freundschaft zu ihrem Exmann und zu dessen zweiter Frau.

Karen wird Sprechstundenhilfe eines Frauenarztes und verbreitet in der Praxis gute Stimmung. Es herrscht großes Bedauern, als sie dort aufhört, um wieder als Krankengymnastin zu arbeiten.

Karen ist jetzt 54, die Söhne sind erwachsen und gehen ihren Berufen nach. Einer von ihnen ist dabei, als die „Berliner Tafel“ gegründet wird. Er fährt durch die Stadt, holt Lebensmittel ab, die sonst weggeworfen würden. Auf seiner regelmäßigen Tour zum Hilton Hotel begleitet ihn oft die Mutter. Ihr gefällt das fein hergerichtete Büfett. Um so mehr bedauert sie, diese Pracht bei der Weitergabe an die Bedürftigen nicht erhalten zu können. Wenn ihr Sohn mal keine Zeit hat, springt sie gemeinsam mit einer Freundin ein.

Für ihre Eltern in Kiel organisiert Karen eine Pflegekette. Ein Fleischer bringt das Tagesgericht vorbei, an den Wochenenden kommt Besuch, alle zwei Wochen ist Karen da.

Mit 65 muss sie in Rente gehen. Und arbeitet weiter für die Johanniter, jetzt eben ehrenamtlich. Sie kümmert sich um Trauerfeiern und schiebt Rollstuhlfahrer in die Gottesdienste.

Als bei ihr im Sommer 2010 Magenkrebs diagnostiziert wird, im Endstadium, besteht ihr größter Kummer darin, dass sie ihre beiden Enkelkinder nicht weiter wird aufwachsen sehen. „Da wird einem einfach so das Leben genommen“, beschwert sie sich und versucht, die Monate, die ihr bleiben, zu genießen. Sie trifft alte Freunde und lernt im Krankenhaus neue kennen. Anderen Krebskranken macht sie Mut. Sie kündigt ihre Daueraufträge und bringt ihre Unterlagen in Ordnung.

Zum Sterben holen die Söhne sie zurück nach Hause. Karen genießt die in diesem Jahr besonders früh erwachende Natur, die Sonne, die ersten warmen Tage. Den siebten Geburtstag ihrer Enkelin darf Karen noch erleben, am Tag darauf schläft sie ein.

„Die Kirche wird voll“, hat sie prophezeit. Und hatte recht. Die Trauerfeier in der Kirche, in der ihre Eltern geheiratet hatten, wird geleitet von Martina Gern, der Tochter des Pfarrers, der damals Karen und Peter getraut hat.

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