Karfreitag : Das Kreuz gemeinsam getragen

Erstmals haben Berlins Christen zu einer ökumenischen Karfreitagsprozession aufgerufen. So mancher schloss sich spontan an.

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Kreuz
Wenn wir schreiten Seit an Seit. Evangelische und katholische Geistliche, darunter Generalsuperintendent Ralf Meister (links), bei...Foto: dpa

Klack-klack, klack-klack. In gleichmäßigen Abständen ertönen die Klanghölzer, die Dompredigerin Petra Zimmermann aufeinanderschlägt. Vor ihr tragen Berlins evangelischer Landesbischof Markus Dröge und der katholische Weihbischof Matthias Heinrich ein mannsgroßes Holzkreuz auf den Schultern. Gut 400 Gläubige aller Konfessionen folgen ihnen schweigend und betend durch die Straßen der Berliner Innenstadt.

Es ist die erste ökumenische Karfreitagsprozession Berlins. „Wir wollen an das Leiden Jesu erinnern und bedenken, welche Menschen heute in dieser Stadt leiden und gelitten haben“, sagt der evangelische Generalsuperintendent Ralf Meister vor dem Berliner Dom. „Wir wollen den Spuren der Verzweiflung und Gewalt, von Entrechtung, Folter und Tod folgen, und an die Schuld erinnern, die deswegen auf uns lastet.“

Klack-klack, klack-klack. Während die im schwarzen Talar gekleideten Pfarrer dem Kreuz hinterherziehen, bleiben Unter den Linden die Passanten stehen. Laut brummen die Schiffsdiesel von der Spree herüber. Touristen zücken ihre Digitalkameras und vor dem Domaquarée kratzt sich ein Taxifahrer verwundert am Kopf.

Als die Geistlichen die Marienkirche am Alexanderplatz erreichen, liest Pfarrer Johannes Krug die biblische Geschichte von Simon von Bethanien. Ralf Meister erinnert an die Geschehnisse vor 500 Jahren: 40 Juden wurden im Juli 1510 wegen angeblichen Hostienfrevels vor der Marienkirche hingerichtet. „Die Anklage, die Juden hätten Christus hingerichtet, ist über Jahrhunderte zu einem Teil christlicher Identität geworden“, bedauert Meister. „Jesus, der Jude, wurde missbraucht, um Juden zu diskriminieren und zu verfolgen.“

Klack-klack, klack-klack. Alles hat Jes Engby-Larsen nicht verstanden. Der Tourist aus Kopenhagen war mit seiner Freundin im Berliner Dom. Draußen schloss er sich spontan der Prozession an. Eindrücklich sei es, sagt er auf dem Weg zum Gendarmenmarkt. Andere Berlin-Besucher gucken irritierter, als die Prozession mitten zwischen den Tischen eines Straßencafés zum Stillstand kommt. Einige junge Italiener lassen sich nicht stören: Fröhlich plaudernd genießen sie ihr Bier, während Ralf Meister an das Schicksal verfolgter Christen erinnert. „Überall auf der Welt werden heute Christen wegen ihres Glaubens verfolgt“, sagt der Generalsuperintendent. „Und bei Menschenrechtsverletzungen bleibt der Protest oft aus, wenn die Religionsfreiheit von Christen beschnitten wird.“ Schließlich der Bebelplatz. Weihbischof Heinrich und Bischof Dröge sprechen ein Gebet, segnen die Menschenmenge. Schnell strömen die Prozessionsteilnehmer auseinander, der Karfreitagsfisch wartet zu Hause. Die Bischöfe sind dennoch zufrieden. „Ich bin sehr beeindruckt von der hohen Zahl der Besucher“, sagt Landesbischof Markus Dröge. „Wir haben es geschafft, in der Öffentlichkeit zu zeigen, was uns das Kreuz bedeutet.“ Benjamin Lassiwe

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