Berlin : Karl Charles (Geb. 1927)

Der Beweis seiner Freundschaft: „Sag mal, magst du Lachs?“

Anselm Neft

Schwere Teppiche, dunkle Möbel, goldene Leuchter unter rot gestrichenen Stuckdecken: Nach und nach hatte Charly die fünf Zimmer in der Charlottenburger Kantstraße im Stil seiner Kindertage eingerichtet. Hier lebte er mit Schorsch, der Liebe seines Lebens. Hier hatte er sein Nest gefunden wie damals mit seiner Mutter bei den Großeltern in Friedrichshain. Die lebenslustige Frau mit der eindrucksvollen Nase im runden Gesicht, die mit ihren Mädels gerne die Ballsäle Berlins unsicher machte – an ihr hing Charly mit ganzem Herzen. Als sie heiratete, war der Fünfjährige empört. Mochte dieser Herr Charles auch elegant und beredt sein und in der Restauration der Großeltern schöne Reutter-Couplets auf dem Klavier spielen, er blieb ein Konkurrent, ein Ärgernis.

Doch noch war Charlys Welt heil: ein Bruder seiner Mutter war gerade acht Jahre älter und sein bester Freund, die Großeltern verwöhnten ihn, und im Rinnsaal vor der Wasserpumpe fuhren die gebastelten Schiffe erstklassig. Dann kam der Krieg. In der ersten Woche starb Charlys Mutter an Lungenentzündung, sein bester Freund fiel wenige Tage später . Herr Charles heiratete wieder. Charlys Mutter war nicht lange begraben, da trug die Neue schon ihre Pelze. Andere Überbleibsel schätzte sie weniger: Sie gab dem Jungen zu verstehen, dass sie nicht traurig sei, wenn er bald seinen Weg in die große, weite Welt fände. Da war er zwölf.

Alle hatten ihn im Stich gelassen. Nur in der HJ fand er Freunde und Vorbilder. Ältere Jungs trainierten mit ihm Boxen und schützten den Kleinen mit der großen Klappe. Mit 16 meldete er sich zur Kriegsmarine. Schwere Seeschlachten blieben ihm erspart, nicht aber die britische Gefangenschaft in Ägypten. Als Entertainer im Lagertheater war Charly eine Wucht und wurde mithilfe eines zehn Jahre älteren Schauspielers vom Gefangenen zum Star.

Zurück in Deutschland zog Charly zu seinem Mentor nach Duisburg und studierte Schauspiel an der Folkwang- Schule. Als der Mentor mehr sein wollte als nur Freund, packte Charly die Koffer, begann eine Odyssee durch Berlin, erhielt 1951 ein Engagement beim Deutschen Theater und verliebte sich in Schorsch. Die Gage in Ostmark war im Westen nicht viel wert, aber nur dort wollte Charly leben. So wohl er sich bei Schorsch in Prenzlauer Berg fühlte – es endete damit, dass die beiden im Westen zusammenzogen. In den Fünfzigern mochte man es modern und kompakt. Die 170-Quadratmeter-Altbauwohnung in der Kantstraße konnte das Paar für einen Spottpreis mieten. Schorsch, gläubig wie der an jedem Abend betende Charly, wollte Seelsorger werden. Er fragte seinen Pfarrer, ob es ein Problem gebe, weil er homosexuell sei. Die Antwort war eindeutig, und Schorsch schlug sich als Kleindarsteller durch, bis er mit Charly einen Wäscheservice eröffnete. Charly konnte verkaufen, Schorsch buchführen. Anfangs brachten sie die Servietten und Handtücher zu Fuß und mit dem Bus von der Wäscherei in die Hotels und Restaurants. Als sie 1988 die Firma verkauften, hatte sie zehn Angestellte und warf einen hohen Gewinn ab.

Charly und Schorsch hielten zusammen. Gelegentlich hatten sie andere Liebhaber. Raoul, etwa 30 Jahre jünger als Charly, zog sogar in die Kantstraße, auch wenn er wusste, dass Schorsch immer an erster Stelle stehen würde. „Liebe ist teilbar“, sagte Raoul. 15 Jahre gaben ihm trotz mancher Konflikte recht. Charly selbst konnte eifersüchtig sein, stundenlang schmollen, wenn er zu wenig Aufmerksamkeit bekam. Bei einem gemeinsamen Urlaub auf Gran Canaria glaubte er, Raoul habe was mit einem anderen, vor allem, als der mitten in der Nacht vor Charlys 70. Geburtstag verschwand und erst am Morgen wieder auftauchte. Kein Wort redete Charly, bis er in kleiner Gesellschaft auf den Dünen stand. Im Sand lagen eine „70“ und ein riesiges Herz, das Raoul aus Steinen gelegt hatte.

Charly konnte Szenen machen, Charly konnte vergeben. Seine Gefühle sah man ihm an, und falls sie jemand übersah, teilte er sie mit. Er ließ auch Fremde über seine Gedanken nicht im Dunkeln: „Sind wir hier bei den Hottentotten?“ rief er Leuten nach, die Abfall auf die Straße warfen.

Dass jemand zu Charlys Freunden gehörte, zeigte sich am immer gleichen Satz: „Sag mal, magst du Lachs?“ Das war die Einladung zum Abendessen. Charly liebte die bürgerliche Küche seiner Kindertage, Räucherlachs war etwas Extravagantes, eine Luxusmahlzeit. Wen Charly ganz in sein Herz geschlossen hatte, den fragte er: „Brauchst du eigentlich Bettwäsche?“ und öffnete ein kinderzimmergroßes Buffet voll mit Wäsche.

Am 13. August 2001 rief ein Juwelier bei Charly an, bat um einen Besuch und gab ihm einen Ring von Schorsch. 50 Jahre in Liebe. Charly musste das Jubiläum alleine feiern. Schorsch war ein halbes Jahr vorher an Krebs gestorben.

Charly wurde mutlos, bekam selbst Krebs und verlor durch die radioaktive Bestrahlung seine Geschmacksnerven. Raoul war inzwischen ausgezogen, blieb aber Charlys bester Freund, der zusehen musste, wie er sich zurückzog, und der ihn pflegte, als er schließlich auch körperlich verfiel. Als Charly starb, hielt Raoul seine Hand.

Begraben wurde Charly neben Schorsch. In der Kirche spielten sie „I did it my way“. Anselm Neft

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