Berlin : Karl-Friedrich Zelter (Geb. 1924)

Ebenso vehement schritt er im Leben vorwärts

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Man muss aufmerksam sein, muss den Kopf ein wenig heben, entdeckt erst dann die sechs vergoldeten Buchstaben auf den Kapitellen an der Fassade des Maxim-Gorki- Theaters: ein Z, ein E, ein L, ein T, ein E, ein R, zusammen ZELTER. Carl Friedrich Zelter war seit 1800 Direktor der Sing-Akademie zu Berlin, unter dessen Leitung das Konzertgebäude am Festungsgraben fertiggestellt wurde. Er war Musikpädagoge und Komponist und ein Freund Goethes. Beide starben 1832. 1932 stand Zelters Ururenkel Karl-Friedrich achtjährig im Matrosenanzug auf der Bühne und ließ sich anlässlich der Feierlichkeiten vom Publikum bestaunen. Die Honoratioren ernannten ihn zum Ehrenmitglied. Er verbeugte sich artig vor den Damen, und die Damen waren entzückt: Ein echter Nachfahre des großen Musikers stand da vor ihnen, auch wenn er dessen musisches Talent nicht geerbt hatte.

Der junge Zelter kam vom pommerschen Land und ritt lieber über das Gut seines Vaters. Manchmal betrachtete er vielleicht das Porträt seines Ahnen, das Einzige, das die Familie 1945 nach Schleswig-Holstein retten konnte. Ein Jahr zuvor, nach dem 20. Juli 1944, hatten die Nazis ihn ins Zuchthaus gesteckt. 1941, er war 17 gewesen, war in Russland ein Panzer neben ihm explodiert. Splitter waren tief in sein Bein gedrungen, die Ärzte wollten das Bein amputieren. Aber er sagte „Nein“, auf die vehemente Weise, die zu seinem Wesen gehörte.

Ebenso vehement schritt er im Leben vorwärts, trotz des versehrten Beines, trotz der Flucht. Er betrieb einen Landmaschinenhandel und eine Pferdezucht mit seinem Vater, er ging zu Ford nach Detroit, war zuständig für den Absatz von Landmaschinen in Lateinamerika, sah die Auswüchse des ungerechten Welthandels, entwickelte Pläne, die Unabhängigkeit der sogenannten Entwicklungsländer zu stärken: „Wir brauchen Handelspartner auf Augenhöhe, keine verschuldeten Länder.“ Er konstruierte den Pico Trac, eine Kombination aus Traktor, Lastwagen und Minibus, robust und so einfach gebaut, dass er von Menschen, die keine Mechanikerausbildung oder teure Ersatzteile haben, problemlos repariert werden kann. Er machte sich selbstständig, unterstützte den Bau von Motoren, die mit Rapsöl oder Sonnenenergie betrieben werden. Entwicklungshilfe war dann sinnvoll für ihn, wenn sie jenseits von Großprojekten stattfand, wenn sie die Bedingungen vor Ort berücksichtigte.

Er kämpfte, unablässig. 20 Jahre dauerte seine Auseinandersetzung mit der Treuhand um das Familienerbe, eine Landmaschinenfabrik in Mecklenburg. Sachverhalte wurden verschleiert, Verfahren verschleppt. Er sprach von einem „Gaunerstück“. „Betriebe, die vom Produkt und Können absolut Westniveau hatten“, schrieb er, „sind von unfähigen, eitlen, überbezahlten Wessis zerschlagen und ausgeplündert worden.“ Ihm ging es nicht um den Besitz oder darum, die höchstmögliche Summe herauszuschlagen. Er hätte Arbeitsplätze gesichert für eine Gegend, deren Zukunft alles andere als rosig ist.

Er liebte das Land doch mehr als die Stadt, obgleich er in Berlin zur Schule gegangen war. Er genoss es, Choraufführungen in Berlin zu besuchen und Unter den Linden entlangzulaufen, aber nach drei Tagen hatte er genug und fuhr zurück nach Bassum bei Bremen, in sein Haus inmitten des großen Gartens. Er kannte alle im Dorf, und alle kannten ihn. Und wenn jemand hinzuzog, lief er hinüber: Ihr Nachbar, Zelter, stellte er sich vor. Er wolle gar nicht stören, nur mal schauen, vorher habe in diesem Haus ja ein Anwalt gewohnt, leider dem Alkohol verfallen, trotzdem guter Anwalt, auch besoffen, wie denn das Kind heiße, ah, Aljoscha, sieh an, russisch, womöglich den Brüdern Karamasow entsprungen, er sei in russischer Gefangenschaft gewesen, schlimme Zeit damals, aber man müsse vergeben können, auch wenn seine Familie vertrieben wurde, ach, und der Hund, Tao, hübscher Name, aber ein bisschen wild, seine Lotte, ein kaukasischer Bärentöter, sei da ganz anders, gehe bei Fuß und höre aufs Wort, seine Frau heiße im Übrigen Antje, einzigartige Person, seit 1955 mit ihr verheiratet, und drei wunderschöne Töchter, im Übrigen sei er der Nachfahre des großen Carl-Friedrich Zelter, hier, das Familienwappen auf dem Ring hat Goethe geschaffen, eine ärgerliche Angelegenheit der Streit zwischen den beiden Sing-Akademien in Ost- und West-Berlin.

Karl-Friedrich Zelter versuchte zu helfen, die Querelen der Singakademien in der wiedervereinten Stadt zu überwinden, immerhin handelt es sich um die älteste gemischte Chorvereinigung der Welt. „Die ehemals politisch erzwungene Teilung ist nicht mehr zeitgemäß“, befand er und scheute sich auch nicht, einigen Wilmersdorfer Witwen in ihre empörten Gesichter hinein zu sagen: „Auch ihr müsst besser singen.“

Er stand nicht still, auch wenn die alte Kriegsverletzung und der Tod seiner Frau vor zehn Jahren schmerzten. Kämpfen, das war nicht nur so ein Wort für ihn: „Dann fühle ich, dass ich lebe.“ Tatjana Wulfert

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