Berlin : Karl-Heinz Brückner (Geb. 1935)

Systeme kommen, Systeme gehen. Es bleibt: der Sport

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Was das Leben lebenswert macht, ganz allgemein, darüber herrschte Klarheit im Leben von Karl-Heinz Brückner. Fragt man seine Frau, wann er wohl am glücklichsten war in seinen 80 Jahren, überlegt sie eine Weile. Denn Sport hat er eigentlich immer getrieben, und der Sport war immer schon das Wichtigste.

Waren es vielleicht die Achtziger, als er so oft ins Ausland durfte, nach Afrika? Nein, eigentlich nicht. Die vier Jahre in Mosambik waren eher hart, am Anfang war er da allein, und dann, als sie dabei war, lag sie ihm in den Ohren und wollte wieder heim, zu den Kindern und den Enkeln. Wirklich schöne Jahre waren das eigentlich nicht als Militärberater in Afrika, auch wenn dort sein Fachgebiet die sportliche Ertüchtigung war.

Die Zeit der Wende und des Mauerfalls – man kann sich denken, dass das keine einfache Sache für einen wie ihn gewesen ist. Allerdings haben sie über den Untergang des alten Landes nie so viel gesprochen. Was daran liegen mag, dass er ihm treu gedient hatte. Nun kam es halt, wie es kam. Schön war, dass sie endlich in die Alpen konnten, das war schon was anderes als die Hohe Tatra. Sonst aber wurde es erst einmal schwierig. Er war zwar schon seit 1988 kein Offizier mehr, sondern beim Bezirk Köpenick für den Behindertensport zuständig. Als aber herauskam, dass er früher beim Berliner Wachregiment gedient hatte, verlor er seinen Job. Er war zwar auch dort als Offizier nur für den Sport zuständig gewesen, das Regiment aber hatte zur Stasi gehört, da war der Rest egal.

Wie er zum Wachregiment gekommen war? Ganz einfach, wegen der Wohnung. Es waren die sechziger Jahre, er war NVA-Offizier in Rostock, wohnte in der Kaserne, und seine Frau und die zwei Kinder wohnten in Sachsen. Wie hätte er Nein sagen sollen, als sie ihm die Stelle in Berlin anboten inklusive Neubauwohnung für die Familie?

Warum er überhaupt Offizier geworden ist? Es waren die fünfziger Jahre, er kam aus einem Kaff in Thüringen und wollte eigentlich Förster werden. Die Chancen dafür aber standen schlecht, er wollte nicht mehr als Waldarbeiter schuften, die DDR baute ihre Armee neu auf, warb um Rekruten und versprach, dass bei der Armee viel Sport getrieben würde. So zog er die graue Uniform an statt der erhofften grünen.

Wir waren bei der Frage nach der besten Zeit im Leben Karl-Heinz Brückners. Er hatte große Sympathien für die DDR gehabt, war ganz und gar freiwillig Offizier gewesen, er verlor 1991 seinen Job, war ein halbes Jahr arbeitslos und bekam dann nur noch eine ABM-Stelle. Dennoch war, so sagt es schließlich seine Frau, die Zeit nach der Wende seine glücklichste.

Denn wenn er es nicht für den öffentlichen Dienst tun durfte, kümmerte er sich eben auf eigene Faust um den Behindertensport. Karl-Heinz Brückner hatte sich gründlich in die Materie eingearbeitet, er wusste, dass es auch nach seiner Entlassung viele gab, denen er als Trainer helfen konnte, und gründete den „Behinderten-Sportverein Köpenick“.

Er kümmerte sich um Trainingsmöglichkeiten in Sport- und Schwimmhallen, er stellte Trainingspläne auf, jede Woche einen neuen, er ging das alles mit dem größten Ernst und unendlicher Sorgfalt an, er verließ morgens das Haus und kam am Abend heim, so wie er das immer schon getan hatte, nun aber in Zivil und nicht mehr im Auftrag höherer Dienstgrade, sondern in seinem eigenen. Hatte er früher Rekruten gescheucht – er galt als wenig zimperlich – hatte er es jetzt mit geistig Behinderten zu tun: Da halfen Befehle nie, aber mit Ernst und einer wohldosierten Strenge hatte er die Sache gut im Griff. Sein Verein wuchs und wuchs, es kamen Rentner dazu, die die Trainingsangebote nutzten, Karl-Heinz Brückner stellte neue Übungsleiter ein, die ebenso wie er mit der Aufwandsentschädigung wenig mehr als ihre Fahrtkosten begleichen konnten.

Den Verein gibt es noch heute, er hat 250 Mitglieder. Sie haben ihrem alten Chef viel zu verdanken. Er verdankt ihnen die besten Jahre seines Lebens.

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