Berlin : Karl-Heinz Lindtner (Geb. 1945)

Whiskey und Hasch im Grab: Wegzehrung für die letzte Reise

Erik Steffen

Trotzig hat er noch seinen jährlichen Flug nach Thailand gebucht. Die Hoffnung, sich mit einem „goldenen Schuss“ bei Sonnenuntergang und Meeresrauschen vom Leben zu verabschieden. Aber daraus wird nichts. Nackt sitzt er am offenen Fenster in der Wohnung seiner Lebensgefährtin, um sein Sterben zu beschleunigen. Er ist dankbar, immerhin hier sein zu können. Er isst schon lange nicht mehr, trinkt nur Alk. Aus den Boxen dröhnt „Highway To Hell“. Die Strategie führt zum ersehnten Ende, eine Lungenentzündung erlöst seinen vom Krebs zermarterten Körper.

Die Beisetzung – eine letzte Party, der berauschende Abschied von einem Außenseiter, der sich jenseits bürgerlicher Lebensentwürfe seinen Raum erkämpfte. „Asozial“ nannten das manche. Bis in die Gesichtstätowierungen fräste sich seine Haltung. Keine Pfaffen, keine Glocken, dafür Musik von „AC/DC“, eine bunte, von Zivilpolizei beäugte Trauergruppe, die Whiskey und Hasch ins offene Grab legt, Wegzehrung für die letzte Reise. Viele sind erschüttert: Der zähe Kerl war dem Tod doch so oft von der Schippe gesprungen. Sie sind seine Freunde, aber Feinde gab es auch, genug. Und eine Lebensgeschichte, in der er „Polo“ genannt wurde, weil er ein Weltenreisender war. Wer „Karl-Heinz“ sagte, konnte eigentlich nur ein Feind sein.

Der Vater ist nicht mehr anwesend, als die Mutter, selbst noch ein Kind, Zwillingssöhne bekommt. Bezugsperson wird Polos Tante in Rendsburg, bei der er aufwächst, eine Zeit, an die er sich gern erinnern wird. Die Kämpfe, Krisen und Abstürze kommen später. Bereits in der Schule aber eckt er an, das pechschwarze Erziehungssystem fordert seinen aggressiven Widerstand heraus. Die Zeiten im Erziehungsheim zeigen keine Wirkung. Mit 17 haut er ab, sucht in ganz Deutschland nach seinem Vater, aber der will von ihm nichts wissen. Polos Bruder stirbt bei einer Auseinandersetzung im Duisburger Rotlicht-Milieu.

Die Fremdenlegion ist eine fatale Entscheidung, er gerät in den schmutzigen Algerienkrieg und desertiert. Sein Körper – ein Trümmerfeld: Bajonettstiche, Granatsplitter haben ihm den halben Hintern weggerissen. Seine Seele – ein Trümmerfeld: Im Häuserkampf hat er irrtümlich Zivilisten erschossen.

1964 dann West-Berlin, ein neuer Abgrund. Von den nächsten 15 Jahren wird er zehn im Gefängnis verbringen, „Berliner Tinke“, eine billige heroinähnliche Droge, spritzen bis zum Kollaps, heiraten, zwei Kinder zeugen und wieder verlieren, den Körper volltätowieren – und dann die Reißleine ziehen. Er beginnt, wie besessen zu lesen. Auch wenn ihm „Der Todestrieb“, die Autobiografie des Schwerverbrechers und französischen Staatsfeindes Nr. 1 Jacques Mesrine immer näher steht als Marx, er will verstehen und handeln. Keine harten Drogen mehr, eine Ausbildung zum Maler und Lackierer und der Anschluss an die Berliner Hausbesetzerszene.

In der Stettiner Straße in Wedding wird er zum Manager des Knacki-Hauses. Die Szene weiß mit diesem Haus und seinen prolligen Bewohnern wenig anzufangen. Auf Demos sind sie unkalkulierbar, agitieren lassen sie sich nicht und Polo mit seinem roten Ledermantel und Tattoos wirkt eher wie ein Zuhälter als wie ein Haussprecher. Aber in den Verhandlungen mit dem Senat ist er knallhart, das verschafft ihm Respekt, auch wenn er sich nicht immer unter Kontrolle hat. Immerhin, wen er als Freund akzeptiert, den unterstützt er ohne Kompromiss. Immer Klartext, das kann wehtun.

Er lernt Gudrun kennen. Sie ist zwölf Jahre jünger, macht ihr Abitur nach und kennt eine ganz andere Welt. Sie ist fasziniert und abgestoßen von diesem Macker, aber seine Augen, die schon so viel gesehen haben, faszinieren sie. Sie ist vielleicht die Einzige, mit der er über seine Vergangenheit sprechen kann, sie entscheiden sich für eine gemeinsame Zukunft. Die wird kein Rosengarten, aber etwas, was zwei völlig verschiedene Charaktere in Nähe und Distanz als Schicksalsgemeinschaft bis zu Polos Tod zusammenschweißt.

Über Gefühle sprechen kann Polo nicht, Familienleben ist ihm unbekannt, die Geburt des Sohnes 1986 aber macht ihn stolz. Sie ziehen in eine Riesenwohnung in Wedding. Windeln, Kindergarten und Fürsorge, das ist nicht seins, Gudrun kümmert sich darum, auch um das nötige Geld. Woher er Geld bezieht, bleibt nebulös. Stütze jedenfalls kommt für ihn nie infrage. Gudruns Mahnungen – „Bring dein Leben endlich in Form!“ – wirken irgendwann. Über Jahre arbeitet er als Ausbilder bei der Caritas, die problematischen Jugendlichen laufen bei ihm wie an der Schnur. Sie bewundern ihn.

Mitte der Neunziger ziehen Gudrun und er nach Kreuzberg, getrennte Wohnungen, getrennte Urlaube, aber sie bleiben ein Paar. Jeden Tag sitzt er an ihrem Esstisch: „Was gibt’s zu fressen, Alte?“ Dann grinst er breit.

Je älter sein Sohn wird, desto mehr bringt er sich ein, nicht nur finanziell. Polos Wohnung bleibt vor allem seinen geliebten Katzen vorbehalten. Die haben sieben Leben, Polo meint, bei ihm sei’s ähnlich. Leber- und Prostataprobleme, Unfälle, er überlebt. Wenn er sich was gebrochen hat, reißt er sich weit vor der Zeit den Gips ab. Sein sehniger, verschrammter Körper scheint alles auszuhalten. Im letzten Juni dann die Schockdiagnose, unheilbar, inoperabel. Verstört kommt er aus dem Krankenhaus: „Ich habe dem Doc auf die Glocke gehauen!“

Gudrun verzweifelt, er sagt: „Hab dich nich’ albern, Alte, du schaffst das schon!“ Erik Steffen

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