Berlin : Karl-Heinz Rolle (Geb. 1938)

Wenn ein Kind schlechte Leistungen bringt, liegt das am Trainer

Pola Pulver

Die glatte Wasseroberfläche eines Schwimmbeckens, ein Junge wird hineingeworfen, zappelt, versucht den Kopf oben zu halten. So soll er schwimmen lernen, meint die Lehrerin.

Der Junge war Karl- Heinz Rolle. Er erzählt später oft davon, ein einschneidendes Erlebnis. Auch die Bombenangriffe auf Berlin, die er als Kind erlebte, haben sich tief eingeprägt. Sein Leben lang kann er keinen Gefallen an der Silvesterknallerei finden. „Silvester war bei uns eine einsame Angelegenheit“, sagt sein Sohn.

Den längsten Teil seines Lebens wohnt Karl-Heinz in Lichterfelde, er liebt seinen Kiez, sieht, wie er sich verändert. Nachdem er 1988 in die Hufeisensiedlung gezogen ist, fährt er noch oft in die Morgensternstraße zum Buchladen „Wollschläger“, um Bücher über Lichterfelde zu kaufen. Besonders die Nachkriegszeit und die Zeit des Dritten Reichs interessieren ihn. Sein Großvater war Sozialdemokrat und wurde an die Nazis verraten. Er arbeitete als Heizer bei Hitlers Leibstandarte; auf dem Kasernenhof haben sie ihn erschossen.

Nach der Schule macht Karl-Heinz eine Ausbildung zum Maurer, im zerstörten Berlin gibt es viel zu tun. Er ist ein geradliniger Mensch, der seine Ziele verfolgt. Beim Tanzen lernt er seine zukünftige Frau Heidemarie kennen. Nicht Liebe auf den ersten Blick ist es, so würde Karl-Heinz das nicht sagen. Eher, dass man sich sofort „handelseinig“ wird. Bald heiraten die beiden und nennen sich liebevoll „Oller“ und „Olle“. 1968 kommt Sohn Thomas auf die Welt, aber der Vater hat nicht viel Zeit für ihn. Tagsüber schuftet er auf dem Bau, danach studiert er auf der Abendschule Bauingenieur. Und dann hat er noch die Fotografie. Thomas, der Sohn, steht fasziniert im Rotlicht der Dunkelkammer und bestaunt die Fotos an der Leine, auf denen er meist selbst zu sehen ist.

Später, bei den vielen Reisen durch Skandinavien mit Heidemarie im geliebten Wohnmobil fotografiert Karl-Heinz die Weite des Nordens. Lappland liebt er besonders, er genießt die Einsamkeit in der Natur, die Ruhe, und er findet Gefallen an den wenigen Menschen, die er dort trifft. Sie sind entspannt und nehmen sich selbst nicht zu wichtig. So wie Karl-Heinz, der bleibt auch lieber im Hintergrund. Ein Mann der zweiten Reihe.

Thomas ist vier Jahre alt, als der Arzt ihm wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung das Schwimmen empfiehlt. Der Vater steht am Beckenrand des TSG Steglitz, und beobachtet besorgt seinen Sohn. Der soll das Schwimmen angenehmer lernen als er selbst. Karl-Heinz übernimmt Aufgaben im Verein, und er beginnt, andere Kinder zu trainieren. Als Thomas fünf ist, übernimmt der Vater auch dessen Training. Mit Erfolg, die beiden werden zum erfolgreichsten Gespann des Vereins. Im Keller steht Pokal neben Pokal.

Karl-Heinz arbeitet für den Deutschen Turnerbund, bildet bald auch Trainer aus und Kampfrichter.

Wenn ein Kind bei einem Wettkampf verliert und deshalb weint, dann geht Karl-Heinz hin, tröstet und gibt Tipps fürs nächste Mal. Dann schnappt er sich den Trainer des Kindes und redet Tacheles. Denn wenn ein Kind schlechte Leistungen bringt, liegt das am Trainer, so Karl-Heinz’ Meinung.

Zweimal wird er für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Keine gute Idee; er sagt: „Nicht so lang’ ich lebe! Das können sie mir an den Grabstein kleben!“

Am 17. November 2010 legt sich Karl-Heinz Rolle zum Mittagsschlaf hin. Seine Frau weckt ihn nach einer Weile, da atmet er noch. Aber er steht nicht auf. Nach zehn Minuten sagt sie: „Wenn du jetzt nicht aufhörst mit dem Blödsinn, dann hole ich den Notarzt!“

Ein Blutgefäß in seinem Kopf ist gerissen. Er wird in Lichterfelde beerdigt. Pola Pulver

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