Berlin : Karl-Heinz Zarth (Geb. 1940)

In Kutte und Sandalen lief er über den Kurfürstendamm

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Reisende aus aller Herren Länder mit bunten Windjacken und praktischen Schuhen schlendern über den Kurfürstendamm, betrachten kunstvoll aufgetürmte Flakons in Parfümerien, dürre Schaufensterpuppen in kurzen Röcken, Pyramiden feinster Pralinés. Plötzlich bleiben sie stehen und starren nach vorn, drehen langsam den Kopf und starren nach hinten. Ein Mann mit zottigem weißen Bart, langen Haaren, einer grauen Kutte und Sandalen ist an ihnen vorübergelaufen. Bruder Thaddäus ist auf dem Weg in die Mommsenstraße, in sein Geschäft für Fleisch, Honig und Kuchen, das Hartz-IV-Empfängern jeden Sonntag ein Drei-Gänge-Mittagsmenü für 2,50 Euro anbietet.

Bis 1967 hieß Bruder Thaddäus Karl-Heinz Zarth. Bis 1967 führte er ein sogenanntes „normales“ Leben.

Karl-Heinz Zarth wurde in Remscheid geboren, sein Vater, ein Katholik, war Postbeamter, seine Mutter, eine Protestantin, führte einen Lebensmittelladen. Karl-Heinz half der Mutter, lernte Kaufmann, nahm Schauspielunterricht, spielte an Theatern in Köln Rollen, die er 50 Jahre später noch Wort für Wort aufsagen konnte. Das Geld für den Unterricht verdiente er auf dem Großmarkt, schleppte jeden Morgen um fünf Kisten, verhandelte mit den Verkäufern, mochte die Basaratmosphäre, das Feilschen, das raue laute Ausrufen der Preise. Er warf sich jedes Jahr ins närrische Treiben, sang die lustigen Lieder, erst „Wir machen ein großes Fest“ und später „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, feierte, trank, bezahlte seinen Freunden das Kölsch. Er verlobte sich, sie aber ging fort von ihm, seine Angebetete. Von diesem Tag an verloren die Frauen für ihn jeden Zauber.

Er begann, auf der Unfallstation eines Kölner Krankenhauses zu arbeiten, hörte von den Nonnen dort zum ersten Mal die Geschichte von Franz von Assisi. Bevor er haderte mit der Welt, bevor ihm Gott erschien, bevor er in Demut und Einfachheit lebte, wollte der Heilige Franziskus Ritter werden, führte ein ausschweifendes Leben, feierte und trank, bezahlte seinen Freunden den Wein.

Ab 1967 hieß Karl-Heinz Zarth Bruder Thaddäus. Mit 27 trat er ins Kloster ein, wurde Ordensbruder der Franziskanischen Bruderschaft. Sein katholischer Vater nahm die Entscheidung des Sohnes hin, die protestantische Mutter konnte sie schwer verstehen. Doch ihr fiel ein, dass Karl-Heinz schon als Kind genügsam war, keinen Wert auf neue Kleider und auf neues Spielzeug legte. Er wollte von seiner Hände Arbeit sein Brot verdienen, wie er sagte. „Arbeite und bete“, lautete die einzige Regel, an die er sich immer hielt, andere Vorschriften erschienen ihm überflüssig, mancher Beamter verlor mitunter die Nerven, wenn er in die aufgeräumte Amtsstube polterte und einen Streit über eine sinnlose Entscheidung begann.

Anfang der Neunziger kam Bruder Thaddäus nach Berlin, eröffnete bei den Franziskanern in Pankow eine Suppenküche für Obdachlose. Eines Abends lernte er in einer Kneipe einen Künstler mit Haus und Hof und hohen Schulden aus dem brandenburgischen Zehdenick kennen. Der Künstler wollte Haus, Hof und Schulden loswerden, und Bruder Thaddäus half. Das Haus war eine Ruine, der Garten runtergekommen. Nach monatelanger Arbeit und tausend Behördengängen entstand 1993 der Franziskushof. 15 Obdachlose lebten und arbeiteten dort, verkauften Trockenblumen, Fleisch, Eier und Kuchen, dienstags und freitags auf dem Leopoldplatz, donnerstags auf dem Wittenbergplatz. Da gab es jedes Jahr zur Weiberfastnacht Kölsch gratis, wurden rheinländische Karnevalslieder gesungen, und die umliegenden Berliner Standbesitzer maulten und motzten über so viel Frohsinn.

1995 eröffnete Bruder Thaddäus das „Thaddäus-Bräu“ in der Wilmersdorfer Straße. Nicht nur Obdachlosen wollte er helfen, auch Langzeitarbeitslosen gab er eine Perspektive. Im „Thaddäus-Bräu“ aß man gutbürgerlich, trank selbst gebrautes Bier, schaute unterdessen auf Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus, die ein Künstler auf die Wände des Gastraumes gemalt hatte.

Sein Herz war schon lange krank, in jungen Jahren bereits musste es operiert werden, schon damals erklärten ihn die Ärzte für erwerbsunfähig. Er zog sich damals in eine Einsiedelei im Wald zurück, betete und las in der Bibel. Bis er unruhig wurde und wieder in die Welt ging.

Sein Herz war schwach, nach einer zweiten Operation noch schwächer, er schloss das „Thaddäus-Bräu“, eröffnete jedoch kurz darauf den Laden in der Mommsen- und einen zweiten in der Paradiesstraße. Und er war immer da für die Penner, die Trinker, die traurigen Gestalten. Und wer war da für ihn? Bekannte, Freunde, die gab es. Als jedoch seine Schwester starb, wurde er stiller.

Am 11. Februar, zur Weiberfastnacht, lag er fiebrig und mit schmerzendem Herz im Bett und sang „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“. Am 13. Februar, am Karnevalssamstag starb er. Die Reisenden aus aller Herren Länder betrachten jetzt ungestört die kunstvoll aufgetürmten Flakons, die dürren Schaufensterpuppen, die feinen Pralinés. Tatjana Wulfert

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