Berlin : Karl Martin (Geb. 1945)

Bei der Bundeswehr war man von seinem Enthusiasmus wenig angetan

Felix Lampe

Familie Martin macht einen Ausflug ins „Disneyland“ bei Paris. Warum hat der Vater seine Aktentasche dabei, wollen die Kinder wissen. „Arbeit“, sagt Karl Martin und steuert nach dem Eingang zielstrebig die nächste Sitzbank an. Während sich die Kinder und seine Frau in die Vergnügungen stürzen, packt Karl Martin Bücher aus, Stift und Papier. Eine mannsgroße Micky Maus kommt heran, schaut über seine Schulter, und er bemerkt sie gar nicht. Er schreibt: „Die entscheidenden Inhalte des Evangeliums müssen in der Ordnung und im Verhalten der Kirche sichtbar werden. Damit setzt sich Bonhoeffer von der üblichen Kirchentheorie ab, die der sichtbaren Kirche im Sinn der Kirchenorganisation eine glaubensferne Weltlichkeit zubilligt. Bonhoeffer will diese glaubensferne Wirklichkeit nicht akzeptieren.“ Auch nicht Karl Martin. Wer sich wie er in den Dienst jener anderen, glaubensnahen Kirche stellt, hat einfach keine Zeit für Micky Maus.

Auf seinem Schreibtisch stand ein Stundenglas, in dem nicht Sand hinabrieselte, sondern eine lila Flüssigkeit von unten nach oben aufstieg. Als Sinnbild für ein weiteres Diktum des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: Die Kirche soll von unten nach oben aufgebaut sein. Sie ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist. Der Gedanke bildete den Kern von Karl Martins Wirken als Pfarrer und Publizist.

Geboren als eines von sechs Kindern in einem musikalischen Pfarrhaushalt in Genthin, stand die Musik am Anfang seiner Ausbildung. Ein Stipendium eröffnete ihm den Weg in ein Sing-Aluminat, doch das hessische Laubach, wo der Zehnjährige die Orgel spielen und Choräle singen lernte, lag furchtbar weit weg von zu Hause, Berlin-Oberschöneweide, wo seine Eltern inzwischen wohnten. Nach dem Mauerbau durfte der mit einem westdeutschen Pass heimreisende Junge seine Eltern bloß noch tageweise besuchen. Karl Martin litt schwer unter der Familienteilung. Neben dem Heimweh war der Hunger ein ständiger Begleiter der Internatszeit. Während man vor dem Essen mit gefalteten Händen dem Himmel dankte, musste man aufpassen, dass einem der Nachbar nicht die Bockwurst vom Teller stahl.

Auch das Theologiestudium in Marburg war entbehrungsreich, nach dem Lernen ging es ins Hotel zum Schuheputzen. Mit seiner ersten Anstellung als Dozent und Seelsorger an der Bundeswehrhochschule in München war die Versorgung endlich gesichert. Karl Martin hatte inzwischen geheiratet und bekam drei Kinder.

Es war bei der Bundeswehr, wo er Bonhoeffers Schriften entdeckte. Der streitbare Theologe stellte das gläubige Handeln in den Mittelpunkt seiner Lehre. Karl Martin war von diesem weltverändernden Geist wie elektrisiert und gründete eine kritische Hochschulzeitung. Er gab seinen Studenten das ethische Rüstzeug, um einen etwaigen Befehl zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen verweigern zu können. Seine Losung: „Frieden statt Sicherheit“. Noch Jahre später erhielt er Briefe von ehemaligen Studenten, die mittlerweile den Dienst quittiert hatten. Bei der Bundeswehr war man von seinem unbequemen Enthusiasmus indes weniger angetan und sah von einer Vertragsverlängerung ab.

Als Pfarrer in der Gemeinde in Wiesbaden-Sonnenberg lernte Karl Martin dann seine zweite Frau und deren zwei Töchter kennen. Und er gründete mit anderen den Dietrich-Bonhoeffer-Verein, schrieb Artikel und Bücher und plädierte aus Erfahrung als Religionslehrer für einen Ethikunterricht an der Schule. Der Religionsunterricht sollte frei sein.

Bei allem Arbeitseifer und aller Disziplin war ihm Genuss kein Fremdwort. Er liebte den Wein, die Weinberge im Rheingau. Und wie er als Kind am Hunger gelitten hatte, so entwickelte er als Erwachsener eine Begeisterung fürs gute Essen, am liebsten in Gemeinschaft.

Seinen Hunger nach Kontakten stillte er nach der Pensionierung mit seinem Umzug nach Berlin-Karlshorst, in die Nähe der alten Heimat. Dort fand er Zeit für seine Kinder und Enkelkinder, und es gelang ihm, die durch den Mauerbau in alle Richtungen verteilten Geschwister wieder zusammenzuführen. Und wer Wein und Menschen liebt, der liebt auch Feste: Karl Martin setzte sich zu diesen Anlässen zuverlässig ans Klavier.

Bei so viel Lebensfreude traf ihn die Diagnose Leukämie hart: „Ich bin tieftraurig, aber nicht verbittert.“ Früher war er auf Spaziergängen mit seinen großen Schritten vorangegangen, jetzt ging ihm die Puste aus. Aber er wusste, was er geleistet hatte. Und er stand fest in seinem Glauben. Sein Grabspruch: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“

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