• Karl-Marx-Allee: Mit Kunstprojekten, einem Skulpturenpark und aufwendiger Sanierung soll die Straße attraktiver werden

Berlin : Karl-Marx-Allee: Mit Kunstprojekten, einem Skulpturenpark und aufwendiger Sanierung soll die Straße attraktiver werden

Johannes Metzler

Wer in diesen Tagen mit dem Auto auf der Karl-Marx-Allee Richtung Osten fährt, sollte sich nicht von dem überdimensionalen weißen Kaninchen ablenken lassen, das auf Höhe des Frankfurter Tors auf dem schmalen Mittelstreifen sitzt. Das Tier gehört zu einem Skulpturenpark, der auf den Freiflächen im Schatten der beiden repräsentativen Türme des Architekten Hermann Henselmann steht - allerdings nur für begrenzte Zeit. Wie berichtet, läuft die Aktion "Kunstkreuz" noch bis zum 20. Juli. Trotzdem weht gerade in diesen Tagen ein anderer Wind durch den Prachtboulevard, dessen einzige Flaneure jahrelang Touristen waren, die sich vom Alexanderplatz hierher verirrt hatten.

Seit gestern sind die Initiatoren von "Kunstkreuz" nicht mehr die einzigen, die die Magistrale mit Skulpturenpark und "temporären Galerien" wieder zu einem lebendigen Boulevard machen wollen: Auch die Organisatoren von zwei weiteren Kulturaktionen haben die ehemalige Stalinallee als Mittelpunkt gewählt. Zufall ist die Überschneidung wohl kaum - derzeit geht die bauliche Erneuerung der Karl-Marx-Allee in die Endphase.

Seit Anfang des Jahres erstrahlen die beiden Henselmann-Türme am östlichen Ende wieder in neuem Glanz, und auch die Sanierung der Wohnbauten ist weitgehend abgeschlossen. Weil die Ausstattung der "Paläste für das Volk" für DDR-Verhältnisse weit überdurchschnittlich war, wurde hier jahrzehntelang nur noch das Allernötigste repariert - man zog Arbeiten an verfallenen Ost-Berliner Altbauten vor. Der Investor, der den Straßenzug nach der Wende aufkaufte, musste darum in den letzten Jahren tief in die Tasche greifen: Insgesamt eine Milliarde Mark, so schätzt Jochen Wawersik, Vorsitzender des Fördervereins Karl-Marx-Allee, hat die Sanierung des ehemaligen Volkseigentums gekostet. Nun schwärmt er von dem Boulevard als einer "noch schlafenden Schönen". Zwar gebe es mit der Vermietung der sanierten Wohnungen keine Probleme - trotz des nicht gerade billigen Preises von rund 14 Mark pro Quadratmeter. Man habe genügend Interessenten, meist seien es jüngere Leute unter 40. "Viele Leute aus den alten Bundesländern haben zudem keine Vorurteile", sagt er - sie sähen die Straße nicht als "Stalinallee", sondern einfach nur als "Verkehrsader, Wohnstraße, und vor allem als Boulevard mit besonderem Charakter." Die Nähe zum Alexanderplatz sei der große Trumpf der Straße - in zehn Jahren, davon ist Wawersik überzeugt, wird dort "Downtown Berlin" sein.

Bei den Gewerberäumen hingegen stehen derzeit 18 Läden leer - allerdings, so betont Wawersik, nicht aufgrund mangelnder Interessenten. Vielmehr achte man bei der Vermietung auf "Qualität". Um die leerstehenden Räume dennoch - zumindest für einige Tage - zu nutzen, haben Investor und Gewerbetreibende gestern gemeinsam die Aktion "Marx Attrax" - ein buntes Kultur-, Lifestyle- und Sportprogramm - gestartet, die bis zum kommenden Sonntag läuft. In der Hausnummer 115 etwa ist eine von Studenten der Hochschule der Künste gestaltete "künstliche Wildnis" entstanden. In "Pandoras-Strumpfband-Lounge" (Strausberger Platz 6) herrscht 50er-Jahre-Atmosphäre. Bei schönem Wetter werden Passanten dort auf dem Bürgersteig in einem "Schnellmassagestuhl" durchgeknetet. In der benachbarten "Tulip Lounge" stellen die holländischen Künstler Hans Booy und Paulus Fugers Bilder aus, die sich im Takt der Musik bewegen, auch einige hypnotische Videos können sich Besucher ansehen. Eigentlich aber kommen die vor allem zum Tanzen in die 18 Veranstaltungsorte. Erich Kundel, der sich auch im Förderverein engagiert, sieht "Marx Attrax" als Experiment: "Schicky-Micky wird das hier nicht", beruhigt er, "dafür sorgt schon der Berliner Osten." Die Lifestyle-Veranstaltungen seien nicht unbedingt Vorbild für den künftigen Charakter der Straße. "Wir wollen einfach nur zeigen, dass dies ein Boulevard ist, der funktionieren kann."

Parallel zu "Marx Attrax" hat der Bund deutscher Landschaftsarchitekten gestern rund um den Strausberger Platz zwei Dutzend Installationen von Landschaftsgestaltern, Künstlern, Architekten und Studenten aufgestellt. "Intermetropolitane Gärten" heißen diese Orte, die "Oasen in der Großstadt" sein sollen. Darunter ist ein mit Moos bewachsener Tisch sowie die "Entschleunigung" unter einem Apfelbaum. Die unter einem Apfelbaum angeordnete Sitzgruppe soll mitten in der Stadt daran erinnern, dass nicht überall das Tempo der Metropole herrscht. Die Gärten sind allerdings ebenso flüchtig wie die "Lounges" und der Skulpturenpark - sie werden schon am Montag wieder aus dem Stadtbild verschwinden.

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