Berlin : Karl-Marx-Buchhandlung: Ganz hinten

Torsten Hampel

Er ist versteckt, der eine von insgesamt 350 laufenden Buchmetern in der Karl-Marx-Buchhandlung in der Karl-Marx-Allee, der eine, der auf Marxens Konto geht. Er steht im Regal auf dem untersten Brett, zehn Zentimeter über dem Fußboden, und das Regal steht im Laden ganz hinten rechts in einer Ecke. Wer sich auf den Weg dorthin macht, der passiert die Kasse, den Bestsellertisch und einen Holzständer, in dem die Bilderbücher "Armeehubschrauber" und "Kampfhubschrauber - Technik, Bewaffnung, Typen" stehen. Spätestens jetzt rechnet keiner mehr mit Marx. Nur der, der weiß, dass es seine Bücher hier gibt, der weiter geht, noch zwei Mal abbiegt, auf die Knie sinkt, sieht sie vor sich stehen, die blauen Buchrücken der Marx-Engels-Ausgabe aus dem Dietz Verlag Berlin, Hauptstadt der DDR, von 1964. Nicht alle, die Bände 2, 3, 4 und 13 fehlen.

Wie mag so eine Suche nach den Werken der Namensgeber in anderen Buchhandlungen verlaufen, im Georg-Büchner-Buchladen am Kollwitzplatz zum Beispiel? Auch Büchner war ein Revolutionär, auch er gelegentlich auf der Flucht, aber er starb dann auch noch jung und hatte gerade soviel schreiben können, dass seine Texte nur einen einzigen Zentimeter im Regal füllen. Der ist noch mühseliger zu entdecken. Den erwartet aber auch niemand, zumindest nicht deswegen, weil der Laden nach ihm heißt. Bei Karl Marx ist das anders, denn sein Name ist nichts anderes als ein Programm. Er ist gewissermaßen der Vater der gleichlautenden Phrase. Marx ist der, der die Idee mit dem Sozialismus hatte, der erklärt hat, wie er funktioniert. Sein Buchladen steht in der programmatischsten Straße Berlins, in der den einst ausgebeuteten Massen Paläste gebaut worden sind. Die gehören inzwischen nicht mehr dem Volk, sondern einer Bank, und die Produktionsmittel der Firma Karl-Marx-Buchhandlung sind im Besitz einer Handelsgesellschaft. Einziger Gesellschafter ist Erich Kundel. Gewiss, sagt er, er habe auch die Idee gehabt, den Laden als Genossenschaft zu führen. "Aber es funktioniert nicht, die unternehmerische Triebkraft ist unverzichtbar." Seinen vier Angestellten zahlt er weniger als den Tarif Ost.

Früher, bevor Kundel 1993 das Geschäft übernahm, war alles noch viel schlimmer. Da gehörte es der Buchhandels-Kette Bouvier, dem Monopolkapitalisten gewissermaßen. Der scheiterte, weil er die Beharrungskräfte des Ostens unterschätzte und seinen Kunden das falsche Angebot bereit hielt. Kundel kam zum Zug, und insofern ist sein Kleinunternehmen ein roll back in history, keine Revolution, aber die Richtung stimmt. Doch es gibt noch eine gegenläufige Bewegung, den Weg des Unternehmers Kundel nämlich. Der hat sich groß gearbeitet. Er fing 1990 an, aus dem Kofferraum seines grünen Wartburg-Kombi Bücher auf Wochenmärkten zu verkaufen, hatte danach eine kleine Buchhandlung woanders in Friedrichshain und jetzt eben eine große.

Auf die Idee, Bücher zu verkaufen, hat ihn die Unzufriedenheit gebracht. Er mochte nicht mehr Historiker sein. In der marxistischen Terminologie heißt die Unzufriedenheit, der Zustand wenn einer sich in seiner Arbeit nicht wiederfindet, Entfremdung. Kundel war also entfremdet vom akademischen Arbeiten. Heute sei er zufrieden, sagt er. "Der Laden trägt meine Handschrift." So steht es auch in den blauen Büchern aus dem Eckregal, Entfremdung und Unternehmertun passen nicht zusammen.

Was ihm nicht gefallen habe damals an der Humboldt-Universität? Vor allem der Umgang mit den alten Professoren. Dass die Sozialwissenschaftler nicht haben weitermachen dürfen nach der Wende, das verstehe er. Aber auch die meisten Naturwissenschaftler zu feuern, das sei Unfug gewesen. "Da ist intellektuelles Kapital beiseite geschoben worden." Kapital, das Schlüsselwort, endlich. Es kommt in Kundels Kopf auch in anderen Zusammenhängen als dem unternehmerischen vor. Es ist vielleicht noch nicht alles verloren.

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