Berlin : Karla Graaf (Geb. 1927)

Als die Eltern nicht daheim waren, erkundete Goldtöchterchen die Wiese …

Karolin Steinke

Familie war alles für unsere Mutter, sagen die Kinder. Mit dreißig Jahren hatte Karla ihre Lebensaufgabe gefunden: Sie war Gattin des Lehrers Erwin Graaf und Mutter von drei Kindern. Erzieherin hatte sie werden wollen, aber der Krieg kam dazwischen. So schlimm war das aber gar nicht. Sie hatte ja bald eigene Kinder und eine Hauswirtschaft.

Bei der Gestaltung der Wohnung in Wedding mit Blumen, Puppen und Engeln und bei der Bewirtung der vielen Gäste durfte ihr niemand hineinreden. Karla sagte immer offen ihre Meinung und verteidigte sie auch. Wer aus der Familie beim Kochen helfen und wer einkaufen sollte, bestimmte sie. Nach getaner Arbeit genoss sie ein Sonnenbad auf dem Balkon und ein Gläschen Sekt. Wenn ihr jemand zum Muttertag Maiglöckchen schenkte, freute sie sich.

Karla war durch und durch eine Norddeutsche, sagt ihr Sohn. Eine Norddeutsche schmust nicht mit den Kindern. Sie lehrt sie, zu kochen, die Wohnung sauber zu halten und das Leben praktisch anzugehen. Wie man einen Haushalt führt, hatte Karla ihrer Mutter abgeschaut, die auf einem Gut in Mecklenburg in Stellung war. Als sie schon fünfzig Jahre in Berlin lebte, verfiel Karla am Telefon mit ihrer Schwester noch ins Plattdeutsche.

Sie war ein wenig eitel bis zum Schluss. Weil sie so gern elegante Kleider trug, nannte man sie in der Familie „die Gräfin“. Ihr Vorbild war Grace Kelly. Einmal in der Woche besuchte sie die Stoffabteilung bei Wertheim oder die im KaDeWe, die Schnittmuster aus dem Burda-Heft im Kopf. Gemeinsam mit einer Freundin schneiderte Karla für sich und für die Kinder. Wichtig war, dass jedermann in der Familie einen ordentlichen Eindruck machte. Noch im Altersheim ließ sie sich von ihrer Enkelin ab und zu das Haar schneiden, denn ungepflegt, fand Karla, könne man doch nicht unter die Leute gehen.

Eine andere Enkelin schwärmt von „Oma Mimis“ Fantasie: Sie brachte ihr ja nicht nur das Nähen und Kartoffelschälen bei; sie dachte sich auch Hasen-Märchen aus und berichtete bis ins Detail von ihren Träumen. In den Märchen besaß jedes Häschen den Namen und den Charakter eines Familienmitgliedes. Karla verband das Schöne mit dem Nützlichen und garnierte die Geschichten mit Ratschlägen fürs Leben. Zum Beispiel in der Erzählung vom Goldtöchterchen mit den blonden Locken: Als einmal die Eltern nicht daheim waren, erkundete Goldtöchterchen staunend die Wiese vor dem Haus. Die Vögel freuten sich mit ihr, ein Schwan trug es über den Teich. Als das Kind nach einiger Zeit einschlief, wurde es von einem Schutzengel zu den besorgten Eltern zurückgetragen. Am Ende umarmten sich alle vor Freude. Der Engel aber ermahnte das Mädchen: Gehe nie fort von den Eltern, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

„Ich hoffe, dass nach ihrem Tod die Familie nicht auseinanderbricht“, sagt die Nichte. Mit dem Bau der Mauer war so etwas schon einmal geschehen. Karla konnte jahrelang nur Westpakete an ihre Verwandten in der DDR schicken. Zur Beerdigung ihrer Mutter 1968 durfte sie nicht hinüber. Als es dann erlaubt war, reiste sie jedes Jahr in ihre mecklenburgische Heimat. Dort hatten sie vor ihren Besuchen oft geschlachtet, denn die Familie wusste, dass Karla deftige Hausmannskost liebte.

Karla, der Familienmensch. Sie erspürte die Talente, die Sorgen, selbst die Schwangerschaften der Kinder und Enkel noch vor allen anderen. Wann immer jemand einen Telefonhörer wütend in die Gabel warf oder eine Ehe in die Krise geriet – Karla wurde befragt, und Karla schlichtete, wo etwas zu schlichten war. Selbst möglichen Konflikten um ihre Erbschaft kam sie zuvor: Sie verschenkte ihre Dinge schon zu Lebzeiten an die Kinder und die Enkel. Karolin Steinke

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