Berlin : Karlheinz Knuth (Geb. 1931)

Wenn jemand sagt, du spinnst doch, entgegnet er: Das ist mein Beruf.

Karolin Steinke

Wo er war, war Lachen. Wenn an den vornehmen Bridge-Abenden, die Karlheinz Knuth mit seiner Frau oft besuchte, ein fröhliches Wiehern zu hören war, dann kam es von ihrem Tisch. Am liebsten wäre er jedes Mal in abgeschnittenen Jeans ausgegangen. Kleider machen keine Leute. Schon eher die Zufriedenheit. Die ließ er alle spüren. Etliche Freunde scharte der begabte Geschichtenerfinder um sich. Auf einem Foto aus den letzten Jahren blickt ein Hemingway-Kopf mit gepflegtem Weißbart amüsiert über die Lesebrille. Ein stattlicher Kerl. Seine Familie nennt ihn einen Harmoniker. Streit konnte er nicht ausstehen.

Als junger Mann verdient er Geld damit, Frauen auf die Brüste zu schauen. Noch Jahrzehnte später wird er feixend erzählen, wie ihm Lübarser Bäuerinnen kurz nach Kriegsende die Büstenhalter aus dem zerstörten Bandagengeschäft seiner Eltern abkauften. Aber er hat mehr vor, als Mieder zu vertreiben. Er studiert Theaterwissenschaft und schreibt selbst Stücke. Doch von Laienspielprojekten kann niemand leben. Er lässt sich die Filiale eines Autohauses in Lübars aufschwatzen, eine Schuldenfalle, wie sich schnell herausstellt. Mit viel Charme gelingt es ihm, selbst den Gerichtsvollzieher anzupumpen.

Er lässt sich nicht verdrießen. Wenn jemand sagt, du spinnst doch, entgegnet er: Das ist mein Beruf. Seit den sechziger Jahren arbeitet er für den Sender Freies Berlin. Weit über hundert Hörspiele und Features wird er hinterlassen, nebst Drehbüchern für den „Tatort“. Kollegen sprechen von einem großen Radiomann, der akustische Gemälde entwirft. Mister Radio heißt er im Sender. Ein später Traumauftrag ist eine Reportage zum 100. Geburtstag des Berliner Doms. Er liebt den Blick hoch zur Kuppel mit dem heiligen Geist. Die Produktion ist eine der ersten mit der neuen Mehrkanaltechnik, gemacht von einem Mann um die siebzig.

Seine Sorgen und Ängste behält Karlheinz für sich. Manches erfährt die Familie erst aus seinen Tagebüchern. Er findet andere Kanäle und verwandelt seine Gefühle in preisgekrönte Radiosendungen. Die Sorge um das eigene Herz wird zu einem wissenschaftlichen Feature über Herztransplantationen. Gleich danach schreibt er eine Science-Fiction-Sendung über eine Hirnverpflanzung.

Für einen Fernsehfilm über die Vereinten Nationen reist er um die halbe Welt – und schreibt sehnende Liebesbriefe an seine Frau. Seine größte Gefühlsbewegung wird zu einer Aufzeichnung mit dem Titel „Der erste Schrei“. Als Ingrid und Karlheinz 45 Jahre alt sind, schenkt sie ihm einen Sohn. Die beiden hatten sich schon mit der Zweisamkeit abgefunden.

Das Leben wird mit den Jahren immer köstlicher, mag Karlheinz denken. Nach welchem Recht muss so ein Dasein eines Tages zu Ende gehen? Als er krank wird, tauschen sie ihr Traumhaus mit den Pferden im Norden gegen eine Wohnung im Steglitzer „Bunten Haus“. Auch dort wirkt er wie ein Magnet. Ein Nachbar, Pfleger von Beruf, findet in ihm einen väterlichen Freund. Der Betreuer spricht von Fügung, diesem Menschen begegnet zu sein. Karlheinz ist ein Lebensende daheim vergönnt. Anstatt Blumen wünscht er sich zur Beerdigung Spenden an die Organisation „Homecare“. Dort arbeiten Ärzte, die mit ihren Besuchen todkranken Patienten das Sterben zu Hause ermöglichen. Karolin Steinke

0 Kommentare

Neuester Kommentar