Berlin : Karlheinz Müller (Geb. 1922)

„Kennste schon den? Sind zwei Witwer auf Brautschau …“

Thomas Loy

Das Spiel Bayern gegen St. Petersburg, Uefa-Cup- Halbfinale, für alle deutschen Fans eine traurige Veranstaltung. Karl-Heinz Müller, den alle Heiner nennen, verfolgt die Begegnung vom Krankenbett aus. Seine Enttäuschung ist groß, löst sich aber schnell und rückstandsfrei wieder auf. Nach dem Spiel geht Heiner ins Schwesternzimmer, zum Gutenachtplausch, bringt die Damen wie bestellt zum Lachen und zieht sich in sein Zimmer zurück. Dort trifft er Schlafes Bruder, den Tod.

Heiner Müller: weißer Haarkranz, große Brille, blitzende Augen und ein Mund, der sich gut zum Sprachrohr formen lässt. Auf die Treffsicherheit seiner Einwürfe, Schnurren und Sottisen war Verlass. Es gab Anrufe von Heiner, die so begannen: „Kennste schon den? Sind zwei Witwer auf Brautschau …“

Er beherrschte auch den gespielten Witz: Heiner und Ehefrau Regina am gedeckten Mittagstisch. Neben der Kartoffelsuppe steht das Maggi-Fläschchen. Heiner ist ein großer Verehrer dieser Würzmischung. Er greift zur Flasche, seine Frau mahnt: „Nun koste doch erst mal!“ Heiner kippt die Flasche und schreibt mit Maggitinte auf den Fettfilm: „Gini ist doof.“

Hat er die Blumen vergessen, zum Muttertag, kritzelt er ein kleines Gedicht auf Zeitungspapier und überreicht es Regina feierlich. Die hegt es dann wie einen Schatz. Schalk Heiner altert nicht, nur die Hülle, in der er steckt.

Wenn Freunde mit melancholischer Stimme bemerkten, man müsse sich mal wieder treffen, es sei schon wieder so viel Zeit vergangen, um dann zu Hause mutlos zuzusehen, wie noch mehr Zeit verging, griff Heiner sein Notizbuch mit den vielen Nummern und rief an: „Wir treffen uns am nächsten Dienstag. Kannst kommen oder nicht. Wir sind jedenfalls da.“

Heiner war Unterhalter. Kein Entertainer, kein Partylöwe, kein Aufschneider, kein Strippenzieher. Unterhalter. Er hatte kein anderes Ziel als gesprochene Worte in geselliger Runde zu geistreichen Pointen zu verdichten. Da ihm das oft gelang, war er ein glücklicher Mensch.

Die CDU stand ihm nah, aber in Parteikreisen waren die Pointen nicht immer witzig gemeint, und die ernsten Worte nicht immer ernst.

Er wusste immer, wann es Zeit war loszulassen.

Für den Krieg hatte er sich freiwillig gemeldet, als 17-Jähriger. Ein Fehler, wie sich in Russland, Frankreich und Italien erweisen sollte. Gegen Ende der mörderischen Zeit setzte er sich in Italien von der Truppe ab und lief über die Alpen zu Verwandten ins Weserbergland.

Zurück in Berlin fand er Arbeit als Konditor. Heiner machte seine Sache gut, buk in erstklassigen Backstuben, im KaDeWe und später bei Wagenknecht am Olivaer Platz. Ein leidenschaftlicher Konditor wurde er aber nicht. Musiker hatte er mal werden wollen, doch sein Vater hielt das Kuchenbacken für einträglicher.

Wirklich begeistern konnte sich Heiner für Sportereignisse. Fußball natürlich, Boxen, Radrennfahren und Pferdesport. Er kaufte sich zusammen mit einem Freund Trabpferde, baute ein kleines Gestüt auf, fuhr zu den Rennen und las die Fachzeitschriften.

Fürs Olympiastadion hatte er eine Dauerkarte, die anderen Ligaspiele schaute er sich im Fernsehen an, bei Premiere. Wenn er alles gesehen hatte, schaltete er zur Zweitverwertung um, erst die Sportschau im Ersten, dann das Sportstudio im Zweiten. Weil er dasselbe Geschehen vielfach analysierte, fielen seine Kommentare differenzierter und abwechslungsreicher aus. Heiner war völlig im Bilde, ein Supervisor des deutschen, ja des europäischen Fußballgeschehens.

Krankheiten, Schmerzen, der Tod: in Heiners Welt klare Außenseiter. Ein Schalk treibt mit der Endlichkeit nur seinen Schabernack. Als Pudel Blacky im Sterben lag, schrieb Heiner einer höheren Instanz in Versform, dass er es sehr ungerecht finde, einen Hund nach zehn Jahren schon aus dem Leben abzuberufen. Er, Heiner, sei mit 50 Jahren wohl doch der geeignetere Kandidat. Der Tod, humorlos bis in die Knochen, nahm trotzdem zuerst den Hund. Thomas Loy

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