Berlin : Karneval: Berlin heijo, olé, olé

Barbara Wörmann

Noch erinnert der Umzugswagen des "Berliner-Carneval-Vereins 1968" eher an eine Festung aus dem dunklen Mittelalter, als an buntes Faschingstreiben. Dunkelbraun ist er gestrichen und aus massivem Holz gebaut. Geduldig wartet er - sechs Meter lang, drei Meter breit - in einer Lagerhalle im Lankwitzer Industriegebiet auf seinen Einsatz. Schon bald soll er, festlich geschmückt, seinen großen Auftritt haben. Am 25. Februar, dem Sonntag vor Rosenmontag, ist es soweit. Dann wird in Berlin nach 43 Jahren Fasching erstmals wieder mit einem großen Umzug gefeiert. Bereits jetzt, zwei Wochen vor Anmeldeschluss, haben 80 Gruppen ihre Teilnahme zugesagt. 43 Wagen werden sich unter der Herrschaft von Prinzessin Brigitte und Prinz Thomas um 13 Uhr 11 vom Brandenburger Tor in Richtung Unter den Linden in Bewegung setzen und gegen 17 Uhr am Alexanderplatz ankommen. Dort wird dann im Festzelt weiter gefeiert.

Der Veranstalter, ein eigens gegründeter Verein namens Karnevalsumzug, rechnet mit 2000 bis 3000 Mitwirkenden. Und wer wird sich den Zug anschauen? "Da fragen Sie mal die Berliner", sagt Vereinspräsident Edmund Bauer. Sicher hänge die Zuschauerzahl vom Wetter ab und davon, wie gut es gelinge, vorher Werbung zu machen. "Ich würde Ihnen im Nachhinein gerne berichten, dass 50 000 gekommen sind", sagt er, aber bisher könne man auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen.

Zum letzten Mal wurde der Höhepunkt der närrischen Zeit in Berlin im Jahr 1958 mit einem Zug gefeiert. Danach sei die Tradition durch die gespannte politische Lage in der Stadt eingeschlafen. Unter den Allierten war es zum Beispiel verboten, offen Säbel zu tragen. Nach der Maueröffnung habe man sich, obwohl es 26 Karnevalsvereine in der Stadt gibt, nicht so richtig getraut, den Zug wiederzubeleben. Stattdessen wurde im Kleinen die Tradition gepflegt. Bauer, der auch Präsident des Dachverbands der Karnevalsvereine ist, organisiert zum Beispiel seit Jahren einen Zug am Karnevalssonnabend durch die Lichtenrader Innenstadt.

Durch den Umzug der Bonner nach Berlin bekam das Projekt neuen Schwung. "Nicht, dass wir die zum Feiern bräuchten", sagt Bauer, die Rheinländer führen in diesen Tagen sowieso lieber in die Heimat. Aber der eine oder andere Politiker mit karnevalistischer Erfahrung war behilflich bei den zähen Verhandlungen mit der Stadt. "So einen Zug zu organisieren, ist fast schon ein Hauptberuf", sagt der Hobby-Karnevalist, der als Gas- und Wasserinstallateur arbeitet. "Im Rheinland betteln die Städte, dass die Vereine was auf die Beine stellen, hier ist es andersherum."

Reinhard Muß und seine beiden Kollegen Andreas Knochenhauer und Andreas Lux arbeiten jetzt bereits seit drei Wochen an ihrem Wagen, der das Motto "Wir stürmen jede Burg" tragen wird. Dafür haben sich der Industriemeister, der Dachdecker und der BSRler extra Urlaub genommen. Für den großen Tag ist alles geplant: Muß wird als Präsident des BCV 1968 auf der obersten Ebene des dreistöckigen Hängers an der Musikanlage stehen. Unter ihm der Vizepräsident und der Elferratspräsident und auf der unteren Ebene 21 der insgesamt 90 Vereinsmitglieder. Hinter dem Wagen werden die drei Mädchengarden tanzen.Für 5000 Mark hat Muß "Wurfmaterial", im Rheinland schon immer bekannt als "Kamelle", bestellt. Darunter "gute Sachen, wie Vollmilch-Nuß-Riegel, Schokoladenbonbons und Marzipan." Die werden dann entweder mit dem eher im Westteil üblichen "Berlin heijo" oder dem Ost-Berliner "Berlin olé, olé" in die hoffentlich dichtgedrängten Menschmassen am Straßenrand geworfen. "Noch schneit es", ruft Muß vom Wagen während er die Holzzinnen schmirgelt. "Aber für den 25. habe ich 15 Grad und Sonne bestellt."

Das Geld für den Wagen, die Süßigkeiten und die jeweils 1500 Mark teuren Uniformen der Gardemädchen hat der Verein im Laufe des Jahres bei Veranstaltungen eingespielt. Die Mädchengruppen treten außerhalb der Saison als Showtänzerinnen auf, die Herren beherrschen ein Parodieprogramm, bei dem sie Vollplayback die Lieder von Wolfgang Petry, den Jacob Sisters oder Anton und Antonia aus Tirol zum Besten geben. "Wer in einem Karnevalsverein aktiv sein will, muß sich voll damit identifiziern", sagt Muß, "sonst gehen gerade solche Auftritte vor Publikum nach hinten los."

Der 56-Jährige kam 1977 zum BCV und ist seit 1981 Präsident des Vereins. "Ich habe zehn Jahre im Schwarzwald gewohnt, da hatte ich durch die Fasnacht eine kleine Vorbildung", erzählt Muß. Dabei geblieben ist er, "weil es Spaß macht" und er gerne anderen eine Freude mache. "Wie eine Familie" empfindet der 28-jährige Lux den Verein, seit er vor drei Jahren von einer Freundin, die als Funkenmariechen die Beine schwang, als Mitglied geworben wurde. "Außerdem lernt man durch den Kontakt zu anderen Vereinen viele Menschen kennen", pflichtet ihm der dritte im Bunde, Andreas Knochenhauer bei. Das sei besser als Fußball, denn "da hat man bloß elf Gegner, und auf die ist man nach dem Spiel dann auch noch böse."

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