Berlin : Karneval der Kulturen: Bloß keine Panik

Annekatrin Looss

Die Stille kann nicht echt sein. Nicht hier, im Projektbüro des Karnevals der Kulturen, wenige Tage bevor es losgeht. Zum fünften Umzug erwarten die beiden Organisatorinnen Brigitte Walz und Anett Szabó rund 1,5 Millionen Besucher. Doch kein Telefonklingeln zerreist die konzentrierte Stille im weiß verputzten Neuköllner Büro. Hektik scheinen die beiden nicht zu kennen.

Der Eindruck täuscht. Weil die beiden gerade die Aufstellungslisten durchgehen, haben sie die Telefonhörer daneben gelegt. "Soviel Zeit muss sein", erklärt Walz, "wir wollen schließlich niemanden vergessen." Die promovierte Ethnologin und ehemalige Verlegerin organisiert den Karneval seit dem ersten Mal im Jahr 1996. Nachdem sie aus dem Verlagsgeschäft ausgestiegen war, orientierte sie sich neu und machte einen vom Arbeitsamt geförderten Fortbildungskurs für Akademiker. Der beinhaltete ein sechsmonatiges Praktikum, das Brigitte Walz bei der Werkstatt der Kulturen absolvierte. Hier geisterte die Idee des Karnevals schon durch die Räume. Die neue Praktikantin nahm sich des Themas an und holte kurze Zeit später Anett Szabó nach, die sie aus der Fortbildung kannte.

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Der neue Karneval brauchte zunächst ein Konzept. "Wir wollten auch in Berlin einen Karneval feiern, ähnlich wie in Notting Hill oder Rio", erklärt Annett Szabo¿. Nur leben in Berlin längst nicht so viele karibische Einwanderer, die dem Londoner Karneval ihren speziellen Reiz verleihen und auch der Vergleich mit Rio wäre bei den vergleichsweise wenigen Spree-Brasilianern vermutlich eher kläglich ausgefallen. So blieb zum Schluss nur das Naheliegende: einen Karneval zu feiern, der die ganze Vielfalt Berlins repräsentiert. Alle Migrantengruppen sollten sich auf einem großen Fest vereinen.

Doch nicht überall kam die Idee gut an. Während die Besucher der Werkstatt der Kulturen sofort begeistert waren, reagierte die größte Ausländergruppe Berlins, die türkische Bevölkerung, anfangs zurückhaltend. Einige hielten das Fest für obszön, fürchteten zu viel nackte Haut. Doch auch die türkische Kultur ist inzwischen vielfältig vertreten. Von indischen Tänzen, über orientalische Drachentänze und brasilianische Rythmen bis hin zu westafrikanischen Trommelcombos - fast die ganze Welt ist dabei. Doch eine Bemerkung ist Anett Szabó wichtig: "Bei uns sind nicht nur ethnische Gruppen vertreten. Jeder kann mitmachen, natürlich auch Deutsche." Wagen mit Techno oder HipHop seien dabei ebenso willkommen, wie exotische Tänzer. Darin vermuten die Organisatorinnen auch das Erfolgsrezept des Karnevals, der vor fünf Jahren mit 1200 Teilnehmern und 50 000 Besuchern begann. "Wir sprechen jeden an, haben für jeden etwas dabei", sagen sie stolz. Noch dazu sei der Karneval jedes Jahr anders, immer für eine oder mehrere Überraschungen gut.

Die Ruhe im Büro ist übrigens nicht nur auf die daneben liegenden Telefonhörer zurückzuführen. Getreu dem Motto "Nach dem Karneval ist vor dem Karneval" beginnt die Vorbereitung des nächsten Karnevals mit der Auswertung der Erfolge und Probleme des vorangegangenen. Auch die Resonanz in den Medien ist ein wichtiger Punkt, weil nicht unwichtig bei der Suche nach Sponsoren. Rund 650 000 Mark kosten Sicherheitskräfte, Müllabfuhr, Straßenreinigung. Die Suche nach einer Finanzierung beginnt jedes Jahr aufs Neue. Mal wurden Gelder aus dem inzwischen eingestellten Berliner Millenniums-Programm locker gemacht, mal kommen sie aus dem Kulturfonds. Auch Lottogelder helfen dem Karneval zu überleben, ebenso wie das viertägige Straßenfest oder die CD zum Karneval der Kulturen, die in diesem Jahr zum 2. Mal erscheint und von den Wagen herunter verkauft wird. Die Erlöse fließen direkt in die Organisation des nächsten Festes. Eine Basisfinanzierung, die Planungssicherheit böte, bleibt bislang ein Wunschtraum.

Inzwischen gehört der Karneval der Kulturen neben der Love Parade zu den wichtigsten Großveranstaltungen in Berlin. Obwohl er genauso viele Besucher hat, hinterlässt der Karneval nur ein Zehntel des Mülls der Love Parade. Nur das Wetter bereitet in diesem Jahr einige Sorgen. "Aber das war bis jetzt immer gut", sagt Szabó optimistisch. Die beiden kennen eben keine Panik.

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