Berlin : Karneval der Kulturen: Hula - Hula im Vorgarten

Suzan Gülfirat

Soca-Musik dröhnt durch das Treppenhaus. Das hört sich nach einer fröhlichen Fete mit gut gelaunten Gästen an. Aber im dritten Hof des Gewerbegeländes in der Köpenicker Straße in Kreuzberg wird eifrig gearbeitet. Mehrere Gruppen bereiten sich im dritten Stockwerk auf den Karneval der Kulturen vor. Den Raum stellt die Werkstatt der Kulturen. Hier proben, basteln und nähen abwechselnd verschiedene Gruppen für den Pfingstsonntag. Auf dem Betonboden in der Halle liegen Pappfiguren, die wie Voodoo-Puppen bemalt sind, und kiloweise Stofffetzen in den schrillsten Farben. Darunter auch ein Transparent aus Polyesterstoff der CDU-Niedersachsen in den Farben rot, weiß und blau. "Daraus schneiden wir bunte Stoffstreifen für die Dekoration des Staßenfestes", sagt Keno. Der Maler, gebürtig aus Peru, hat vier von acht Pyramiden, die er mit behinderten Künstlern geplant hat, fertiggestellt.

Keno steht vor einer Pappwand aus den bemalten Puppen und lobt die geschickten Pinselstriche der Kollegen. Nebenan bastelt Manfred Faatz an einem drei mal drei Meter großen Metall-Gestell, das seine Frau Gail wie ein Pfauenrad hinter sich hertragen wird. "Carribbean Heatwave" heißt die etwa 44-köpfige Band, die an den Karneval auf Trinidad und Tobago anknüpfen will. Die Gruppe hat bislang keinen Karneval der Kulturen ausgelassen. Grafik: Der Karneval der Kulturen Weiter hinten im Saal rattern elektrische Nähmaschinen. Gloria Hegewald näht weiße Spitze an rote Samtfetzen. "Das wird eine Hosentaschen für die Kostüme der Männer", erklärt sie. Sie gehören zu den 24 Fandango tanzenden Paaren der Gruppe "El Gran Garabato Berlines". Die 53-jährige Chemielaborantin ist vor zwanzig Jahren von Chile nach Berlin gezogen. "Der Karneval ist toll", sagt die Mutter von drei Kindern. "Wir können unsere Heimat zeigen, unser Land repräsentieren." Die Kinder bleiben allerdings zu Hause. Edgar Ramiro Luno malt die schwarze Umrandung des "Sombrero Voltiao." Kennen wir die nicht aus Mexiko? "Nein, nein", sagt er. "Die hier sind typisch für Nordchile. Die in Mexiko sind pyramidenartiger und aus einem anderen Material."

Die "Polynesian Dreams" arbeiten normalerweise auch hier. Die Gruppe ist erstmals beim Karneval der Kulturen dabei. Kurz vor dem entscheidenden Tag treten sich die Gruppen gegenseitig auf die Füße, weshalb die Polynesier in einer Tempelhofer Siedlung üben. Auf der Suche nach der Adresse meldet sich eine freundliche Frauenstimme am Telefon: "Anwaltsbüro Klaschke". "Meine Frau stammt aus Polynesien", sagt Rechtsanwalt Jochen Klaschke. Er habe sie während seines Referendariats auf der Südseeinsel Rarotonga vor acht Jahren kennen gelernt. Der Garten eines Bekannten erweist sich schließlich als eine kleine Südseeoase. Die Tamure-Musik kann man schon von weitem hören. Im Garten treffen sich mehrere Damen, die behangen mit Blumenketten, den perkfekten Hüftschwung üben. "Nicht alle sind aus Polynesien", sagt Jochen Klaschke. Frauen aus Thailand, Mauritius, Kroatien und Trinidad sind auch dabei.

"Ohne Karneval kann ich mir mein Leben nicht vorstellen," sagt die Heilprakterin Merle Reuter. Geboren auf Trinidad, ist sie seit 34 Jahren mit einem Berliner verheiratet. "Außerdem tun wir was für die Stadt. Das bringt doch Geld ein", sagt sie. Die wenigsten Karnevalteilnehmer kommen eigens angereist. Einige Gruppen luden Gäste ein, wie zum Beispiel das Interkulturelle Netzwerk in der Lützowstraße in Tiergarten. Der Verein hat junge Leute aus Toulouse dabei. Die meisten der knapp 4000 Tänzer und Musiker sind Berliner. Nur die "TIPA" wird am Montag eine mühevolle Reise hinter sich haben. Die Abkürzung steht für "Tibetan Institute of Performing Arts", die auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung aus Dharamsala in Nordindien kommen wird.

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