Berlin : Karneval der Kulturen: Schlusslicht mit 40 000 Watt

Tobias Arbinger

Ihre CD-Cover gleichen den abstrakten Gemälden von Wassily Kandinsky, die elektronische Musik darauf besteht aus "Basslines", "Hi-Hats" oder "Snares". Sie ist rhythmisch, verspielt, basslastig und muss laut genossen werden. So wie morgen beim Umzug des Karneval der Kulturen durch Kreuzberg, bei dem der gelbe "Tatra"-Sattelschlepper des Drum-and-Bass-Labels Hardedged das Schlusslicht ist - zu überhören wird die fahrbare 40 000 Watt-Anlage des Berliner Musikverlages nicht sein.

Der Mann hinter Hardedged heißt Steffen Hack, ist 36 Jahre alt und sieht aus wie der Gründer einer Garagenfirma im kalifornischen Silicon-Valley: Markensweatshirt, Brille und Kurzhaarschnitt. Seine "Garage" ist ein Loft in der Schlesischen Straße in Kreuzberg. Der Nachtclubbezirk Friedrichshain liegt in Sichtweite. Ein Boxsack baumelt in Hacks turnhallengroßem Wohnzimmer, Mountainbikes lehnen an der Wand, Kiss-FM-läuft im Radio. Innerhalb einer Stunde springt etliche Male der Anrufbeantworter an, Freunde kommen vorbei, einer ist Hardedged-Produzent und hat ein Studio in Hacks Loft.

Hack ist das Hirn von Hardedged, einem Musikverlag, einer Party- und Disc-Jockey-Agentur. Er verbringt seinen Tag am Computer und am Telefon: Er verleiht die DJs des Labels an andere Partyveranstalter, organisiert selbst Partys, kümmert sich um Getränke und um Tresenkräfte. Er hört sich neue Stücke junger Drum-and-Bass-Produzenten an, bucht Produktionstage im Studio, plant das nächste CD-Projekt des Labels. Acht Maxi-CDs und ein Doppelalbum hat Hardedged herausgebracht - sein Personal gehört zu den etabliertesten Drumm-and-Bass-Produzenten der Stadt. "Ein künstlerisches Kollektiv", sagt Hack.

Drum-and-Bass nennt er eine "Melange" elektronischer Musikrichtungen, die ihre Wurzeln im Hiphop- und Dancehall-Stil habe, von Acid-House und Breakbeat beeinflusst sei. Zehn Jahre sei der Stil etwa alt, stamme aus dem "kulturellen Meltingpot" London, wo "tausend Einflüsse" ihn hervorgebracht hätten, erklärt der Musikmanager. Der Stil sei "kopflastiger" als House-Musik, schwerer zu vermarkten. Seine Anhänger "brezeln sich am Wochenende nicht so auf".

Vor vier Jahren begann Hack so genannte Warehouse-Parties zu veranstalten, dazu reichten ihm verlassene Fabrikgebäude und eine gute Anlage. 1996 gründete Hack mit einem befreundeten DJ Hardedged, um "lokalen Produzenten eine Plattform" zu geben. Zuvor hatte Hack bereits den Club Toaster in der Neuen Schönhauser Allee sowie den Plattenladen Coretex betrieben. Bekannt wurde Hardedged auch durch seine Freitagspartys im WMF. Im fünften Sitz des Kultclubs in der Ziegelstraße ist das Label wieder dabei. Auf dem Karneval der Kulturen war das Drum-and-Bass-Gewummere der Kreuzberger schon auf dem ersten Umzug vor fünf Jahren zu hören.

1995 hatte Hardedged einen Gastauftritt bei der Love Parade. Heute sei das "kein Thema mehr", so Hack. Ihn erinnere die Parade an "Oktoberfest". Drumm-and-Bass-DJs verstünden sich hingegen als Künstler einer Subkultur. Nicht so bunt wie Latino-Gruppen oder afrikanische Trommler seien seine Fans, aber das sei eben typisch für die "urbane, westeuropäische" Strömung des Karnevals der Kulturen.

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