Karneval der Kulturen : "Sinn ist, dass jeder mitmachen kann“

Muss der Karneval der Kulturen professioneller werden? Der Tagesspiegel sprach mit der Projektleiterin Nadja Mau. Eine Manöverkritik nach dem 13. Umzug.

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Fest der Farben. Nicht alle Gruppen geben isch beim Karneval der Kulturen solche Mühe mit den Kostümen. -Foto: dpa

So einen Karneval hat Berlin schon lange nicht mehr erlebt: Sonnenschein, fast dreißig Grad und 1,5 Millionen Besucher – nur 2004 kamen mehr. Und doch gab es an der Strecke und beim Straßenfest auch lange Gesichter: Wegen längerer Pausen zwischen den Zügen, teils billig wirkender Wagen, des Mülls. Nadja Mau, Projektleiterin des Karnevals, zog nach dem 13. Umzug eine Bilanz.

Frau Mau, einige Besucher waren enttäuscht: Neben aufwändig gestalteten Wagen sah man auch billig wirkende Formationen. Warum gibt es keine Castings – für mehr Klasse statt Masse?

Also, diese Frage zielt völlig an der Veranstaltung vorbei. Wem beim Umzug der Glamour fehlt, der muss wissen, dass hier Menschen freiwillig teils in monatelanger ehrenamtlicher Arbeit alles komplett mit privaten Mitteln vorbereiten.

Aber wäre es nicht angebracht, den Umzug mit verkürzter Zeit und beschränkter Teilnehmerzahl zu professionalisieren?

Dann wäre der Karneval nicht mehr der Karneval. Der Sinn ist ja gerade, dass jeder mitmachen kann – der Berliner Karneval ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. Für viele Gruppen ist der Umzug der Höhepunkt des Jahres, da entlädt sich die ganze Anspannung, das Mitmachen an sich besitzt einen hohen Wert. Natürlich setzen wir uns aber auch künftig weiter mit den Gruppen zusammen und sagen: Das wird zu klein, ihr seid zu leise, und zu wenige! Außerdem hatten wir 180 000 Euro – vergeblich – bei Lotto beantragt für einen Zuschusstopf, um einzelne Gruppen zu fördern – und das werden wir auch fürs nächste Jahr tun.

Trotzdem sagen manche, Feiern im Rheinland oder der Schweiz seien attraktiver.

Das sind doch zwei paar Schuhe. Bitte bedenken Sie, schon jetzt müssen unsere Gruppen bei der Anmeldung ein 14-seitiges Teilnahmeformular berücksichtigen. Da stehen Vorschriften drin zur Wagenverkleidung, zur Höhe der Geländer, zu Fluchttreppen, feuerfesten Materialien. Schon diese Sicherheitstechnik macht vielen einen Strich durch die Rechnung.

Es gab wieder Klagen über lange Lücken zwischen den einzelnen Formationen

Nach unserer Auswertung gab es noch nie einen so lückenlosen Zug. Es stockte nach der Jurybühne, die wegen Bauarbeiten am Südstern postiert wurde. Danach konnten viele Gruppen einfach nicht weiterziehen, weil zu viele Schaulustige den engen Mehringdamm blockierten.

Mehr Zustrom heißt auch mehr Müll.

Sie können leider keinen Zuschauer davon abhalten, mit eigenen Bierkästen anzurücken. Die Polizei unterstützt uns beim Vorgehen gegen Schwarzhändler. Es kommt vor, dass Kioske Musiker länger als erlaubt auftreten lassen, während wir pünktlich Schluss machen. Das ärgert Anwohner, wir haben damit aber nichts zu tun. Beim Straßenfest am Blücherplatz macht Alba jeden Abend sauber. Es wird einfach zu viel rücksichtslos weggeworfen. Auf dem Straßenfest kontrollieren unsere Ordner bereits, ob sich die Händler an das Verbot von Einweggeschirr halten. Ein Verstoß kostet 500 Euro Strafe – oder einen Platzverweis. Viele spekulieren darauf, dass ein Vergehen nicht auffällt.

Beim Straßenfest flüchteten Besucher aber, als sie die in Berlin schon inflationär auftretenden Panflötenspieler hörten…

Gegen diese unangemeldeten Trittbrettfahrer kämpfen wir seit Jahren. Wir hatten auf dem Fest Frauen aus Nigeria, die mit Zutaten aus der Heimat kochten, marokkanische Tarjine, altböhmische Feuerkringel – 400 Stände, 99 Bands auf vier Bühnen, alles gratis. Das ist doch wirklich kein herkömmliches Straßenfest.

Das Gespräch führte Annette Kögel

Nadja Mau, 39, ist seit 2004 Projektleiterin des Karnevals der Kulturen. Die insgesamt zweieinhalb Stellen in der Werkstatt der Kulturen werden über Einnahmen beim Straßenfest finanziert.

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