Berlin : Karneval: Diesmal mehr Kamelle!

Lothar Heinke

Wenn die Blätter fallen, setzen sich Berlins Karnevalisten die Narrenkappe auf und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Da sehen sie einen gewaltigen Zug, wie er sich zwischen Tausenden von Zuschauern im Zickzack-Kurs durch die Innenstadt bewegt. Wir schreiben Sonntag, den 10. Februar 2002, zwölf Uhr elf. Am Brandenburger Tor sammelt sich das Umzugsvolk aus allen Landesteilen, um mit Festwagen, Musikgruppen, Kapellen und Kamelle auf die fast fünf Kilometer lange Strecke um fünf Ecken zu gehen - Lenné-, Potsdamer, Leipziger, Wilhelmstraße, Unter den Linden, Friedrich-, Mohren-, Markgrafen-, Französische Straße und weiter bis zum Festzelt auf dem Schlossplatz.

Damit das alles richtig rollt, trafen sich schon mal Karnevalszug-Präsident Harald Grunert mit "Zugmarschall", Schatzmeister und erfahrenen Vorständlern diverser Karnevalsklubs zur Lagebesprechung. Der erste Berliner Zug nach 42 Jahren Abstinenz war, da sind sich alle einig, mit geschätzten 200 000 närrischen Alt- und Neu-Berlinern am Straßenrand ein voller Erfolg. Leider nicht finanziell: Den 106 000 Mark Ausgaben standen nur 89 000 Mark Einnahmen gegenüber, "aber Privatpersonen haben uns mit Darlehen aus der Patsche geholfen", sagt der Vorstand vom Karnevalszug Berlin e.V. und rechnet kühn mit Kosten von 300 000 Mark für den nächsten Zug unter dem Motto "Hamm wa noch ne Mark?" Die Veranstalter sind sich ziemlich sicher, dass sie die Moneten zusammenkriegen. "Ab sofort gehen wir in die konkrete Sponsorenansprache."

Andere Ansprachen gelten Musikgruppen und Karnevalsvereinen aus allen deutschen Landen und Berliner Lehrern, die mit ihren Klassen kostümiert am Zug teilnehmen sollten. Das Catering auf der Strecke soll besser werden als beim letzten Mal. Die Bundesländer wollen Zugwagen stellen und in ihren Landesvertretungen feiern. Wie es heißt, sind Politiker ganz scharf darauf, neben Prinzenpaar Beatrix I. und Thomas I. auf den Karnevalswagen zu stehen und dem Volk Süßes zu geben. Beim Februar-Zug waren die zwölf Tonnen "Wurfmaterial" schon auf der Hälfte der Strecke verbraucht. "Es war unangenehm, die Kamelle einzeln zu werfen, und dann auch noch gezielt", erinnert sich Harald Grunert. "Diesmal brauchen wir 60 bis 80 Tonnen." Wurfmaterial sei ein ausgezeichneter Werbeträger, wirft der Präsident in die Debatte. Im Übrigen seien die Berliner ein dankbares Publikum, "noch nicht so verwöhnt wie die Rheinländer: Die nehmen ja am liebsten ganze Pralinenschachteln." Vielleicht ist der süße Regen ein Grund dafür, dass die Polizisten, die den Zug am Rande abgesichert haben, im nächsten Jahr unbedingt wieder dabei sein möchten. Oder wegen der Bützchen?

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