Karneval in Berlin : Frohsinn mit Schalldämpfer

Anhänger des Jeckentums feierten auf dem Ku’damm – unter Protest gegen Lärmvorschriften des Senats.

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Gezwungen zum Leisetreten. Berliner Karnevalisten hielten am Sonntag ihren Umzug ab – frierend und protestierend, denn der Senat hatte ihnen keinen Krach erlaubt. Musikanlagen waren zuvor eingepegelt und bei 70 Dezibel verplombt worden.Weitere Bilder anzeigen
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12.02.2012 16:00Gezwungen zum Leisetreten. Berliner Karnevalisten hielten am Sonntag ihren Umzug ab – frierend und protestierend, denn der Senat...

Berlin - Frieren verbindet. Die älteren Damen und Herren auf den Festwagen des Karnevalszuges frieren. Die Tänzerinnen in den kurzen Röcken frieren, wenn sie nicht tanzen. Die Eltern, die mit ihren Kindern auf den Bonbon- und Sonstwas-Regen der Karnevalisten warten, frieren die ganze Zeit. Und doch haben einige zehntausend Leute auch diesem Berliner Karnevalszug einigen Spaß abgewinnen können, auch wenn der Spaß ein schallgedämpfter war.

Nicht lauter als siebzig Dezibel: Das hatte der Senat den Karnevalisten auferlegt – und dem Umzug damit so etwas wie ein politisches Motto mit auf den Weg gegeben. Grob geschätzt jeder zweite der rund 70 Festwagen war mit einschlägigen Sprüchen gegen die Lärmobergrenze verziert: „Ojeojeoje, Flüsterkarneval an der Spree“ war zu lesen, „70 dB zum Lachen, wir wollen Stimmung machen“, „Karneval in Berlin – unerhört, weil’s den Senat beim Schlafen stört“, „70 Dezibel dürfen es nur noch sein – das demotiviert doch jeden Verein“.

Das Limit für die Lautstärke war angeblich am Pegel normalen Verkehrslärms orientiert. Wenn sich die Karnevalisten dadurch auch in ihrer Feier-Freiheit beeinträchtigt fühlten, zeigte die Feier-Praxis auf dem Kurfürstendamm, dass 70 Dezibel zum Feiern reichen können. Ob die Blechbläserkapellen „Suspicious Minds“ spielten oder von den Festwagen 70er- Jahre-Herzensbrecher-Schlager dröhnten: Der Zug war nicht zu überhören.

Vom Protest gegen den regulierungsfrohen Senat abgesehen, ließen die Karnevalisten aus Berlin und dem Umland wenig Hang zum opulenten Auftritt erkennen. Sicher, der Wagen mit dem Prinzenpaar Willi I. und Michaela I. beeindruckt durch seine schiere Höhe. Doch Vergleiche mit den Politiker-Veräppelungs-Pappmaché-Giganten, die in Köln am Rosenmontag durch die Straßen gezogen werden, sind nicht möglich – wegen Mangels an vergleichbarem Material beim Berliner Karnevalszug. Groß war hier allenfalls das Teltower Rübchen, das Karnevalisten aus der kleinen Stadt südlich von Berlin hergestellt und auf einem Hänger montiert hatten. Groß, vom Auftritt her, war das Cabriolet vom Typ Cadillac Eldorado, braun metallic, aus den 70er Jahren, selbstverständlich offen gefahren. Groß und lang und auffällig, wenn auch nicht im klassisch-karnevalistischen Sinn, war der knallgelbe „Eventbus“, den ein paar Feierfreudige gechartert hatten, um einfach mitzufahren und dabei zu sein – und drinnen mit „Beck’s Bier“ zu feiern.

Groß war insgesamt ganz gewiss der Enthusiasmus der Karnevalsvereinsmitglieder, die eine Woche vor den Zügen in anderen Städten, nicht allein in Köln, auch Cottbus, in Berlin immer noch das Gefühl haben müssen, einer Rand- und Importkultur auf die Straße zu verhelfen. Das, immerhin, taten sie lachend, gegen die Kälte anlachend, mit roten Gesichtern und verkrampften Händen, so dass das Anstechen eines Fässchens mit Kölsch auf dem Prinzenwagen zur langen, schweren Operation geriet. Am Ende glückte sie.

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