Karneval in Berlin : Wat sull dä Quätsch?

Die jecken Tage beginnen, auch in Berlin, denn heute ist Weiberfastnacht. Einen Karnevalsumzug gibt es dieses Jahr zwar nicht, ein Prinzenpaar hat die Stadt trotzdem: Eddi I. und Katharina I. sind seit November in Amt und Würden - eine Begegnung.

Clara Billen
Und jetzt: Stimmung! Edmund Braun und Katharina Burggraf auf der Brücke zum S-Bahnhof Friedrichstraße.
Und jetzt: Stimmung! Edmund Braun und Katharina Burggraf auf der Brücke zum S-Bahnhof Friedrichstraße.Foto: DAVIDS/Gregor Fischer

Eddi und Katharina stehen auf dem Fußgängerübergang an der Friedrichstraße. „Seid ihr ein Hochzeitspaar oder wat?“, ruft jemand im Vorbeigehen. Die beiden schauen sich an und müssen lachen. Hochzeitspaar? Na ja, fast. Eddi hat einen rot­weißen Anzug an. Die Jacke ist kaum zu sehen unter den zahlreichen Anstecknadeln, Wimpeln und goldenen Anhängern. Auf dem Kopf trägt er einen dreieckigen Hut, von dem fünf lange Fasanenfedern abstehen. Katharina hat ein bombastisches Kleid an, mit Reifrock. Ein Hochzeitspaar sind sie nicht, dafür wäre die Kleidung dann doch etwas zu exzentrisch.

Eddi und Katharina sind Berlins Prinzenpaar. Sie sind quasi die Oberjecken im eher unkarnevalistischen Berlin. In diesem Jahr fällt hier der Karnevalsumzug aus. Die Auflagen für die Jecken auf dem Kurfürstendamm waren streng, die Musik durfte nicht voll aufgedreht werden. Das verdarb vielen die Stimmung entlang der Strecke, Sponsoren sprangen ab, das Fernsehen hatte schließlich auch kein Interesse mehr an der Übertragung. Das Prinzenpaar gibt es dennoch, denn gefeiert wird ja in den kommenden Tagen auch hier. Heute ist Weiberfastnacht, also der letzte Donnerstag vor Aschermittwoch. Man muss also damit rechnen, in der U-Bahn erwachsenen Menschen beispielsweise im Elefantenkostüm zu begegnen. Mit etwas Pech schnippeln Frauen den Herren vorm Rathaus wieder die Krawatte ab, entschädigen sie aber mit einem Küsschen. Bis Dienstag wird dann fröhlich geschunkelt – so viel in aller Karnevalskürze.

Karneval in Berlin
Charlottenburg flippt aus. Das Berliner Prinzenpaar, Prinz Eddi I. und Prinzessin Katharina I., haben sich hübsch gemacht, es ist ja der 11.11. 11.11 Uhr. Zeit, um mal wieder das Rathaus zu stürmen.Alle Bilder anzeigen
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11.11.2013 14:47Charlottenburg flippt aus. Das Berliner Prinzenpaar, Prinz Eddi I. und Prinzessin Katharina I., haben sich hübsch gemacht, es ist...

Karneval in Berlin? Anders, aber nicht schlechter als in Köln!

Aber zurück zu Eddi I. und Katharina I., den beiden Oberjecken, die seit 9. November 2013 in Amt und Würden sind. Eddi heißt mit bürgerlichem Namen Edmund Braun, ist 67 Jahre alt, verheiratet („Drei Kinder“), gebürtiger Berliner und pensionierter Gas- und Wasserinstallateur („Meine Hobbys: Karneval, Motorradfahren“). Vor allem sei er aber „bekannt wie ein bunter Hund“, sagt der Reinickendorfer Edmund Braun über den Karnevalisten Eddi I.  Das Prinzenamt soll seine Karnevalskarriere krönen, erklärt er in einer Kneipe, pardon!, seiner Residenz: in der „Ständigen Vertretung“ am Schiffbauerdamm. Katharina – im bürgerlichen Leben Katharina Burggraf, 48, von Beruf Logopädin – ist eine „Straßenprinzessin“, wie sie sagt. Weil sie vorher nie in einem Karnevalsverein aktiv war. Als gebürtige Kölnerin  kennt sie aber das lustige Treiben und das Lied „Eimol Prinz zo sin“ – „Einmal Prinz sein“. Das machte sie wahr, nur halt in Berlin.

„Wir sind hier nicht auf dem Abstellgleis. Der Berliner Karneval ist nur einfach anders als  in Köln“, sagt die Prinzessin.  „Uns fehlt die Lobby hier. Hätten wir mehr Unterstützung, würde sich der Karneval wie ein Lauffeuer in Berlin verbreiten“, glaubt der Prinz. Spott kennt das Prinzenpaar natürlich, nicht nur hier am Fußgängerüberweg an der Friedrichstraße. Den Spaß lassen sie sich und die 5000 Mitstreiter in den anderen Berliner Karnevalsvereinen aber nicht nehmen. Drei Veranstaltungen an einem Sonnabend sind normal, die Kosten für Transport und Verpflegung trägt das Gefolge des Prinzenpaares.

In ihrer Residenz, der "Ständigen Vertretung", schmeckt dem Prinzenpaar das Kölsch am besten.
In ihrer Residenz, der "Ständigen Vertretung", schmeckt dem Prinzenpaar das Kölsch am besten.Foto: DAVIDS/Gregor Fischer

Besuch im Pflegezentrum: Die Narrenkappen sitzen

Ein typischer Ortstermin: Karnevalsparty im Pflegezentrum Kurt-Exner-Haus in Gropiusstadt. Mit dem in die Jahre gekommenen Vereinsbus fährt das „Innere prinzliche Haus“ zum ersten Auftritt des Tages. Mit dabei: Hofmarschall, Adjutant, Fahrer, Hofdame und Standartenträger. So dicht beieinandersitzend schunkeln die Damen und Herren bei jeder Kurve von rechts nach links. Chauffeur Hansi führt aus, was der Hofmarschall ihm sagt. Die Hierarchien im Hofstaat sind klar. Auf dem Tempelhofer Damm winkt eine Familie im Nachbarauto aufgeregt, ein echtes Prinzenpaar kriegt man nicht alle Tage zu sehen. Ankunft im Pflegezentrum an der Wutzkyallee 65: Zwischen den Plattenbauten der Gropiusstadt wirkt es wenig karnevalesk. Aber die Adresse stimmt, vor dem Heim sitzt eine alte Frau im Rollstuhl und raucht. Sie trägt eine Perücke mit langen blonden Haaren, dazu eine Glitzerbluse. Im Heim dann die volle jecke Wucht: Micky-Mäuse, Clowns, Cowboys. Alle mit Papphüten auf dem Kopf – aus den Boxen dröhnen die Bläck Föös, eine Band aus Köln. Es gibt Fruchtpunsch. Dann der Auftritt der königlichen Hoheiten: Rollstühle drehen sich, Narrenkappen werden zurechtgerückt, ihre Hoheiten Eddi I. und Katharina I. halten Einzug und winken königlich zum närrischen Volk. Nach einer kleinen Ansprache folgt ein "Hejo" auf den Berliner Karneval – nicht das letzte der Session für Prinz und Prinzessin. So nennen die Karnevalisten ihre Saison.

Bis Aschermittwoch stehen noch viele solcher Termine an: Kinderfasching, Kneipen-Touren und Karnevalssitzungen. Freitag besuchen Eddi I. und Katharina I. Verkehrsministerium, Bundestag und Auswärtiges Amt.

Eine Entschädigung für den ausgefallenen Zug in Berlin gibt es auch: Eddis Kumpels aus Aachen haben ihm einen Wagen beim Rosenmontagsumzug in der Domstadt organisiert. So muss das Paar nicht auf das Werfen der Kamelle verzichten. Und die Musik kann dort auch laut aufgedreht werden.

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