Karneval und Berlin : Hör ma uff mit #Bläckföössing!

In den letzten Jahren fand der Berliner Karnevalsumzug am Sonntag vor Weiberfastnacht statt. In diesem Jahr entfällt er. Das ist ein Anfang. Aber nicht mehr. Denn eigentlich braucht die Stadt den Import rheinischer Lebensart überhaupt nicht.

Lucas Vogelsang
Die Invasion geht auf ihre Kappe. Dass Angela Merkel alljährlich Vertreter von Karnevalsgesellschaften aus der ganzen Republik ins Kanzleramt lädt, macht Berlin nicht unbedingt weniger närrisch.
Die Invasion geht auf ihre Kappe. Dass Angela Merkel alljährlich Vertreter von Karnevalsgesellschaften aus der ganzen Republik ins...Foto: dpa

Karnevalsumzüge lösen ein unbehagliches Gefühl in mir aus. Das ist ein ganz normaler Reflex. Als ich noch ein Kind war, hat mich meine Mutter vor Fremden gewarnt. Vor Fremden mit Bonbons. Vor Fremden mit Bonbons und Autos. Ein Karnevalsumzug aber, das sind ziemlich viele Fremde, mit ziemlich vielen Bonbons in ziemlich großen Autos.

Karneval, das war für uns West-Berliner Kinder immer etwas Abstraktes. Karneval, das war meine Mathematiklehrerin, die in jedem Jahr irgendwann zwischen den Winter- und den Osterferien verschwand und dann, nach einer Woche, mit rotem Kopf und einem Sack voll mit Süßigkeiten zurückkam. Sie nannte sie Kamelle. Und allein das klang so wunderbar exotisch, dass wir uns sicher waren: Unsere Mathelehrerin hatte in einem anderen Land eine ganz ausgefallene Party gefeiert. Bei den Narren. So sagte sie das.

Karneval in Berlin
Charlottenburg flippt aus. Das Berliner Prinzenpaar, Prinz Eddi I. und Prinzessin Katharina I., haben sich hübsch gemacht, es ist ja der 11.11. 11.11 Uhr. Zeit, um mal wieder das Rathaus zu stürmen.Alle Bilder anzeigen
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11.11.2013 14:47Charlottenburg flippt aus. Das Berliner Prinzenpaar, Prinz Eddi I. und Prinzessin Katharina I., haben sich hübsch gemacht, es ist...

Dieser Karneval war einfach unvorstellbar weit weg. Die Beziehung des West-Berliners dazu entspricht dann auch jener des Hertha-Fans zu Meisterfeiern. Man hat schon mal davon gehört und weiß, dass andere das können und eine Menge Spaß dabei haben, aber man selbst empfindet nichts, hat keine Meinung, ist schlichtweg unbeteiligt.

Berlin und Karneval, das passt nicht. Die Narren aber, irgendwann eingewandert aus dem Westen des Landes, unterstützt von ein paar aus der Art geschlagenen Berlinern, haben in den zwölf Jahren seit 2001, dem Jahr des ersten Berliner Karnevalsumzugs nach der Wiedervereinigung, versucht, das Gegenteil zu beweisen. Und sind gescheitert. Zwölf Jahre durften sie durch die Stadt schunkeln. Hei-Jo! Damit ist jetzt Schluss. Juchhee! Es war ja ein schleichender Abschied. Erst das Konfetti-Verbot, die Immissionsauflagen. Im vergangenen Jahr dann der Flüsterkarneval bei nur noch 75 erlaubten Dezibel. Ein Geisterzug der traurigen Clowns. In diesem Jahr wird es auch ihn nicht mehr geben.

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