Berlin : Karola Schwindt, geb. 1910

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Die Mutter sollte in Hamburg den Müllabfuhrbesitzer heiraten, für den Vater war im fernen Ostpreussen das Amt des Pfarrers vorgesehen. Weil beiden ihre Zukunft nicht passte, setzten sie sich nach Berlin ab. Dort liefen sie sich über den Weg, dort heirateten sie. Alle sechs Kinder wurden hinter dem Tabakwarenladen der Schwindts geboren, eines nannten die Eltern Karola.

Sie kam in einer Zeit zur Welt, in der man Wohnungen trockenwohnte. Damals waren neue Wohnungen, vor allem die billigen, oft feucht. Neue Behausungen gab es damals jede Menge, da Berlin weiter und weiter ins Umland schwappte. Unzählige Wohnungen wohnten die Schwindts trocken, stets waren es Parterrewohnungen mit Laden.

1915 fiel der Vater im Krieg. In Doppelschichten musste die Mutter nun im Hotel Adlon als Kaltmamsell arbeiten, während die Kinder den Haushalt organisierten. Es war sicher nicht die leichteste Zeit im Leben der Karola Schwindt, aber die schönste. Sie, die später keine eigene Familie hatte, genoss die Kindheit in der Großfamilie.

Wenn ihr Neffe Lothar Sprung heute überlegt, was die Zäsuren im langen Leben seiner Tante waren, fallen ihm nur Tiefpunkte ein. Dass ihr Bruder im zweiten Weltkrieg fiel zum Beispiel, und dann der Einmarsch der Russen. Einer hätte die Tante bei einem Plünderungsversuch in ihrer Wohnung fast erschossen. Weil er betrunken war, konnte Karola Schwindt ihn austricksen und in ein Zimmer sperren.

Politisch hat sie einiges erlebt. Allein sechs Staaten: Kaiserreich, Weimarer Republik, den NS-Staat, die sowjetische Besatzungszone, die DDR und die BRD. Dabei hat sie Berlin nie verlassen. Es waren anstrengende Zeiten. "Glücklich war meine Tante eigentlich nicht", sagt Lothar Sprung, "zufrieden schon, aber glücklich? Dafür war sie zu preußisch." Karola Schwindt war ein Beamtentyp. "Aber ein guter", sagt Lothar Sprung, "sie war nicht stur, sondern zuverlässig."

Zuverlässigkeit war Karola Schwindt besonders wichtig. Ihre Arbeit als Bürofrau hat sie ein halbes Jahrhundert lang vielleicht nicht enthusiastisch, aber immer tadellos erledigt. Darauf war sie ebenso stolz wie auf die Tatsache, dass sie niemals arbeitslos war. 1928 bekam sie eine Stelle bei der Post.

Dort hat sie sich hochgedient, bis sie Mitte der dreißiger Jahre Beamtin wurde. Als solche musste sie unterschreiben, dass sie nicht heiraten würde. Aber das war eigentlich nicht der Grund, weshalb Karola Schwindt ledig blieb. Sie war schüchtern, lernte nicht so viele Männer kennen. Außerdem war es die Zeit: Als junge Frau hatte sie Freunde gehabt, aber dann mussten die jungen Männer immer öfter zu Manöverübungen, und schließlich verschwanden sie ganz: Der Krieg forderte seine Opfer.

Mit ihrer jüngeren Schwester Margot war sie bis ins hohe Alter ein Herz und eine Seele. Und auch zu den anderen Schwestern hatte sie ein inniges Verhältnis. Als Erna und ihre beiden Kinder Roseregina und Lothar nach dem Krieg aus einem Lager in der Tschecheslowakei heimkehrten, wohnten sie drei Jahre mit in der Wohnung der Tante.

Diese Wohnung - 60 Quadratmeter, zwei Zimmer und Balkon in Oberschöneweide - bewohnte Karola Schwindt von 1936 bis 1998. Hier hatte sie immer was zu tun, sie tapezierte, strich Türen und Fenster, rückte Möbel, stickte, häkelte, bastelte die Wohnung mit Nippes voll.

Ihr erster Schlaganfall war ein leichter. Aber Karola Schwindt interessierte sich plötzlich nicht mehr für ihre Wohnung. Vor zwei Jahren zog sie in ein Altersheim, wo sie einen zweiten und schließlich den dritten Schlaganfall erlitt. An dem starb sie.

Karola Schwindt ist 90 Jahre alt geworden. Schon vor 30 Jahren hatte sie Herzprobleme und verkalkte Gefäße. Dass sie so alt wurde, verdankt sie ihren preußischen Tugenden, sagt ihr Neffe - "Auch mit ihrer Gesundheit war sie immer sehr diszipliniert."

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