Berlin : Karriere unter göttlicher Leitung

Elisabeth Binder

Manchmal, wenn sie auf dem Balkon der Residenz steht und in den Garten blickt, wo die amerikanische Flagge weht, kann sie es gar nicht glauben: "Wir sind in Deutschland." Wie Marcia Ann Coats das so erzählt, bekommt man ein Gefühl dafür, dass Deutschland auch ein recht exotisches Land sein kann aus amerikanischer Sicht. Nie hätte sie damit gerechnet, einmal hier zu leben, und ihr Mann, der neue US-Botschafter Daniel Coats, hätte es auch nicht gedacht. Sonst hätte sie nicht auf dem College Französisch gelernt und er nicht Spanisch: "Dann hätten wir beide Deutsch gelernt", sagt das Botschafterpaar, während ein Butler in der gemütlichen, kleinen Bibliothek Kaffee serviert. Daniel Coats ist ein hagerer Mann mit warmen braunen Augen und einer auffallend freundlichen Ausstrahlung, seine Frau, studierte Sozialpsychologin, wirkt in ihrem goldgeknöpften grünen Zweiteiler wie eine Diplomatenfrau aus dem Bilderbuch, vielleicht sagt er deshalb: "Ich möchte, dass wir als Team arbeiten, im Grunde hat der Präsident uns beide zu Botschaftern ernannt", was sie sofort bescheiden abwehrt. Gastfreundlich zeigen sie die Wohnräume mit den kunstvoll restaurierten Deckenvertäfelungen, die Bilder der drei erwachsenen Kinder und der drei Enkelkinder. Terrier Hoosier hilft schwanzwedelnd dabei. "Jetzt, da die Kinder aus dem Haus sind, ist er für uns noch wichtiger geworden", sagt der Botschafter lächelnd.

Um ein Haar wäre Daniel Coats Anfang des Jahres, als George W. Bush Präsident wurde, Verteidigungsminister geworden. Dann ernannte Bush ihn stattdessen zum neuen Botschafter in Deutschland. Darüber empfindet er kein Bedauern, im Gegenteil: "Ich empfinde es als große Ehre, in diesem Amt zu dienen, wir sind wirklich sehr glücklich, hier zu sein." Daniel Coats hat immer das Gefühl am richtigen Ort zu sein, und dieses Gefühl ist ganz und gar unerschütterlich. Das hat mit seinem Glauben zu tun. Er war noch ein junger Mann, als er 1976 dem Prediger Chuck Colson lauschte. Der ehemalige, in der Nixon-Administration als skrupellos geltende Politiker war im Zuge der Watergate-Affaire ins Gefängnis gekommen, hatte dort ein religiöses Erweckungserlebnis und baute in der Folge eine sehr erfolgreiche Wohltätigkeitsorganisation für Inhaftierte auf. An jenem Tag, als er Colson lauschte, beschloss Coats, seinen künftigen Weg völlig in Gottes Hände zu legen. "Nach dieser Entscheidung gab es eine Reihe von erstaunlichen Wendungen in meiner Karriere, die ich selbst nie hätte planen können." Diese Entwicklungen führten dazu, dass der promovierte Jurist in die Politik ging, dort zu einem weithin renommierten Sicherheitsexperten heranreifte, sieben Jahre lang seinen Heimatstaat Indiana im Repräsentantenhaus vertrat und danach zehn Jahre lang im US-Senat. Nebenbei erfand er den compassionate conservatism, den mitfühlenden Konservatismus, der im amerikanischen Wahlkampf eine wichtige Rolle spielte. Daniel Coats ist ein glühender Verfechter christlicher Nächstenliebe und völlig davon überzeugt, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, sondern die der Kirchen, Bedürftigen zu helfen. Soziale Unterstützung kann für ihn eigentlich nur vom Glauben ausgehen, der am besten dadurch gezeigt wird, dass man ein gutes Beispiel gibt. Religiöse Organisationen haben aus seiner Sicht viel bessere Erfolge bei der Arbeit mit Obdachlosen, Drogensüchtigen, alleinerziehenden Müttern, "weil sie effektiver arbeiten, weniger Geld für Bürokratie ausgeben und materielle und spirituelle Hilfe miteinander verbinden können".

Mit 58 Jahren hat ihn sein Weg nun in die Diplomatie geführt und in ein Land, in dem die sozialen Einrichtungen des Staates weitaus voller sind als die Kirchen. "Dass die Kirchen so leer sind, ist uns aufgefallen", sagt Marcia Ann Coats. Sie sucht nach einer Erklärung für dieses für sie äußerst seltsame Phänomen, hat aber noch keine gefunden. "Vielleicht ist es eine Folge der zwei Weltkriege?" Ihre Verwunderung ist umso größer, "weil dies doch ein Land ist, das große Komponisten geistlicher Musik hervorgebracht hat." Auch für den Botschafter ist das sehr schwer zu verstehen: "Ich frage mich wirklich, wie Menschen mit den Unsicherheiten des Lebens fertig werden, ohne einen Glauben, der ihnen Hoffnung gibt und das Leben in einen größeren Zusammenhang stellt." Spiritualität ist dem seit 36 Jahren miteinander verheirateten Ehepaar überaus wichtig. Sie sprechen mit ihren neuen Bekannten darüber, wenn sie sich auch nicht sicher sind, ob das immer auf der gleichen Wellenlänge geschieht.

"Der Glaube, von dem wir reden, begnügt sich nicht in der Anerkennung, dass es Gott gibt, sondern es handelt sich um eine sehr persönliche Beziehung, wie eine Vater-Kind-Beziehung", sagt Marcia Ann Coats. Daniel Coats ergänzt: "Wenn man seine Beziehung zu Gott so sieht, steht jeder Aspekt des Lebens in diesem Zusammenhang, die Beziehung zur Arbeit, zum Privaten, zur Familie, zu Freunden."

Die Frau des Botschafters will sich während ihrer Zeit in Deutschland aktiv mit Religionsgeschichte beschäftigen und war begeistert von ihrer ersten Begegnung mit Bundespräsident Johannes Rau, in dem sie einen besonders verständnisvollen und kenntnisreichen Gesprächspartner fand. Den Aachener Dom haben sie sich schon gemeinsam angeschaut, aber es gibt noch viele Kirchen und Orte, wie Wittenberg, die sie sehen möchte. Daniel Coats will bei jedem Termin, den er bei seinen Reisen absolviert, auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Umgebung anschauen.

Beide hatten auch Vorurteile mitgebracht. Marcia Ann Coats hatte Unfreundlichkeit befürchtet nach Erfahrungen mit drängelnden Deutschen in Flughafenschlangen, "aber wir haben bisher nur sehr freundliche Menschen getroffen." Daniel Coats wusste, dass Berlin nördlicher liegt als jede amerikanische und die meisten kanadischen Städte und hatte sich das Klima sibirischer vorgestellt.

Aufs Diplomatenleben haben sie sich in einem nur zweiwöchigen Kurs in Washington vorbereitet, in dem es vor allem um Themen ging, Protokollfragen spielten nur am Rande eine Rolle. Vielleicht bemüht sich Marcia Ann Coats deshalb so intensiv, die richtige Anrede zu finden. "Ist es Mrs. oder Ms. oder Dr.?" Daniel Coats, selbst Träger von drei Ehrendoktortiteln, hatte sich für seinen ersten diplomatischen Einsatz auf Routine eingerichtet, Handelsbestimmungen, Sorgerechtsstreitigkeiten etc. Am 7. September traf er in Berlin ein. Dann kam der 11. September, und der Botschafter musste nach drei Tagen Training als Diplomat plötzlich voll funktionsfähig sein. Im Nachhinein verschwimmen die Stationen dieser Tage: Bundeskanzleramt, Auswärtiges Amt, Schloss Bellevue und schließlich die erste große Rede vor 200 000 Berlinern am Brandenburger Tor, gerade mal eine Woche nach seiner Ankunft. Die Themen, in die er sich einarbeiten wollte, spielten vorerst keine Rolle mehr. Stattdessen ging es nur noch um sein eigentliches Spezialgebiet: Sicherheitspolitik.

Daniel Coats hat in der Zwischenzeit in vielen Reden ausgesprochen warme Dankesworte übermittelt für die Anteilnahme der Deutschen und die bekundete Solidarität. Er wirkt immer noch ehrlich überrascht, wie reibungslos die Zusammenarbeit funktioniert, wie kompromisslos die deutsche Regierung bereit war, an der Seite Amerikas zu stehen: "Das alles läuft extrem gut, weit besser als ich gedacht hatte." Die Entfremdungserscheinungen, von denen vorher die Rede war, die Differenzen über Umweltfragen und Verteidigungsausgaben spielten keine Rolle mehr. Nur noch die gemeinsamen Werte zählten. "Das ist wirklich ein neuer Anfang, und wir wissen das sehr zu schätzen." Marcia Ann Coats beschreibt die neue Verbundenheit so: "Das ist wie in einer Familie. Wenn alles gut läuft, zankt man sich über Kleinigkeiten, aber sobald was Ernstes passiert, halten alle zusammen."

Auch auf persönlicher Ebene schwindet das fremde Gefühl. Marcia Ann Coats hat über das Golf- und Tennisspiel schon erste Kontakte geknüpft und auch einen Bibelstudienkreis gefunden. Die ersten Überraschungen mit spezifisch deutschen Phänomenen haben sie ebenfalls schon verarbeitet. "Ich hatte keine Ahnung, wie lang die Reden hier sind", sagt Marcia Ann Coats. "Sie dachte immer, dass ich schon lange rede", lächelt der Botschafter. Auch die vielen Geschiedenen, die Freizügigkeit der Fernsehprogramme hat sie überrascht, die Sexualität, die überall beim Zappen auftaucht. "Das wäre bei uns nicht denkbar."

Beide waren allerdings sehr positiv überrascht von den tiefgreifenden Gesprächen, die sie mit Deutschen geführt haben. Auch das hatten sie nicht erwartet. "Die Menschen hier befassen sich sehr ernsthaft mit politischen Themen." Die Vielfalt der Meinungen mache Berlin zu einer aufregenden Stadt, sagt Coats, der in den USA politisch unter anderem gegen Abtreibung, Pornographie im Internet und die Zulassung von Homosexuellen zum Militär kämpfte. Zu den Zielen des Botschafters gehört es, neben den üblichen Aufgaben wie Förderung der Wirtschaftsbeziehungen, für das erweiterte Konzept kommunaler und glaubensgetragener Initiativen zu werben. Damit hat er viel Erfahrung. In den USA war er Präsident der Organisation "Big Brothers, Big Sisters of America", die Kinder aus benachteiligten Familien mit Mentoren aus gutsituierten Verhältnissen zusammenbringt. Außerdem teilte er sich mit dem demokratischen Senator Joseph Lieberman den Vorsitz über das "Center for Jewish and Christian Values". Coats will seine Amtszeit auch nutzen, Verbindungen herzustellen zwischen deutschen und amerikanischen Projekten, zum Beispiel im Rahmen von Konferenzen.

Und die Botschaft? Coats tut gar nicht erst so, als habe er von der schwierigen Vorgeschichte nicht gehört. Aber jetzt gebe es einen neuen Botschafter und einen neuen Bürgermeister, und jetzt werde die Sache vorangetrieben. Ob es in zehn Jahren zur Eröffnung kommt? "Unser Zeitrahmen sieht fünf Jahre vor", wehrt er ab. Außenminister Colin Powell habe gleich nach seinem Amtsantritt ein Papier unterzeichnet, dass es erlaubt, die Sache zügig voranzutreiben, die wichtigsten Fragen seien gelöst.

"Wir fühlen die Verpflichtung, unser Bestes zu geben", versichern die beiden Coats, als sich die Dämmerung auf den Garten draußen legt. Das Familienleben, das ihnen so wichtig ist, wollen sie dennoch weiter pflegen. Weihnachten kommen die Kinder zu Besuch. Nur der Schwiegersohn, der im Pentagon arbeitet und nur knapp dem Anschlag entronnen ist, wird keinen Urlaub bekommen. Bis Weihnachten haben sie vielleicht auch schon eine feste Kirchengemeinde gefunden, am liebsten wäre ihnen eine deutsche Gemeinde. Noch etwas wird sich dann finden. Singen im Kirchenchor ist ein Hobby, das beide teilen: "Das wäre eine wunderbare Art, deutsch zu üben."

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