Karsten Klingbeil ist tot : Der Tausendsassa

Karsten Klingbeil war Baulöwe und Bildhauer. Nun ist der überzeugte Berliner mit 91 Jahren gestorben.

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Freund der Künste. Karsten Klingbeil 2005 in seinem Atelier am Wannsee.
Freund der Künste. Karsten Klingbeil 2005 in seinem Atelier am Wannsee.Foto: Thilo Rückeis

Kann ein Mensch überhaupt in einem einzigen Leben so viele verschiedene Berufe ausüben und einem solchen Strauß von Leidenschaften nachgehen? Karsten Klingbeil hat es geschafft. Er war einst Berlins größter Baulöwe, aber auch ein international anerkannter Bildhauer. Er führte studentische Unternehmungen und einen großen Zeitungsvertrieb, gründete als begeisterter Hobby-Meereskundler Schauaquarien, war Mäzen des Museumsdorfes Düppel und Herr großer Sammlungen, die er in seinen Vitrinen akribisch vervollkommnete: Hunderte Krebse in allen Formen und Farben, die die Evolution hervorgebracht hat, Insekten, Schiffsmodelle, Spielzeugloks, Orden. Sogar als Käferforscher engagierte er sich, weshalb der seltene afrikanische Käfer „Fornasinius klingbeili“ nach ihm benannt ist. Am 1. Juli dieses Jahres ist Karsten Klingbeil, wie erst jetzt bekannt wurde, im Alter von 91 Jahren gestorben.

Der Vater des am 8. März 1925 geborenen Tausendsassas und überzeugten Berliners war ein hoher Bahnbeamter und zeitweise Chef der damaligen Berliner S-Bahn. Standesgemäß wohnte die Familie in einer herrschaftlichen Villa am Kleinen Wannsee. Stundenlang war der Junge dort mit dem Paddelboot unterwegs und entdeckte seine Liebe zu den Lebewesen im Wasser. Zugleich lernte er bereits als Schüler bei den Berliner Künstlern Max Esser und Renée Sintenis das Handwerk der Bildhauerei. Mit 18 wurde Klingbeil dann zur Panzerabwehr eingezogen, geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst nach zweieinhalb Jahren in die Heimat zurück.

Gut 150 Bauprojekte

Anfangs versuchte er nun von der Bildhauerei zu leben, aber das brachte nicht genug ein. Klingbeil verkaufte nebenher Zeitungen, vertiefte sein Kunststudium, belegte zusätzlich Biologie, gründete schließlich den studentischen Jobvermittlungsdienst TUSMA (Telefoniere, und Studenten machen alles), den es bis heute gibt. Aber es hielt ihn dort nicht, er machte nun seine Erfahrungen als „Zeitungsjunge“ zum Beruf, gründete einen Zeitungsvertrieb, schrieb aber nebenher auch Bücher über Aquarienpflege und historische Verdienstorden. Als sein neues Unternehmen gut lief, riet ihm der Steuerberater: „Bauen Sie ein Haus wegen der Abschreibungen.“

Er ließ es nicht bei einem, errichtete in den 1970er und 80er Jahren gut 150 Bauprojekte mit mehr als 1000 Wohnungen in Berlin und Westdeutschland und avancierte in dieser Zeit zum Chef und Namensgeber der von ihm gegründeten „Klingbeil-Gruppe“, dem damals größten Bau- und Wohnungsunternehmen Berlins. Ende der 70er Jahre kaufte die Gruppe beispielsweise den maroden legendären Berliner Sportpalast an der Potsdamer Straße und errichtete an dessen Stelle den architektonisch heftig umstrittenen „Sozialpalast“ (Pallasseum).

Mit 60 zog Klingbeil einen geschäftlichen Schlussstrich, verkaufte seine Firma und kehrte zu seiner wahren Berufung zurück: der Bildhauerei. Im geliebten Atelier in seiner Villa am Wannsee schuf er viele Plastiken, so die Helga-Hahnemann-Gedenkbüste im Friedrichstadtpalast – und erhielt etliche künstlerische Ehrungen.

Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er nach schwerer Krankheit im Rollstuhl, versorgt von seiner Frau Ulla Klingbeil, sie ist in Berlin seit vielen Jahren als Charity-Lady bekannt. 1972 haben die beiden geheiratet, zuvor war Ulla zehn Jahre lang Karstens Chefsekretärin. Das Paar hat zwei Kinder – und er wiederholte im hohen Alter bei jedem Interview diesen Satz: „Sie ist das Beste, was mir im Leben passiert ist.“



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