Katastrophenschutz : Harter Job im Flutgebiet - vor fünf Jahren

Ein Berliner Klinikarzt bummelte vor fünf Jahren seine Überstunden beim Katastropheneinsatz in Pakistan ab. Was Annette Kögel darüber schrieb.

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Foto: privat
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Wenn man mit Tankred Stöbe telefoniert, klingt das, als sei er im Zimmer nebenan. Doch der 41-jährige aus Charlottenburger spricht in Kot-Addu ins Handy, die Kleinstadt in der Region Punjab ist eine Tagesreise von Islamabad entfernt. Noch bis Mitte September ist der Berliner Mediziner und Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, der sonst als Notarzt im Spandauer Krankenhaus Havelhöhe arbeitet, im Fluthilfeeinsatz in Pakistan. Er behandelt dort hunderte Menschen mit Choleraverdacht. Hat ihn sein Arbeitgeber freigestellt, oder hat er Sonderurlaub beantragt? „Nein“, sagt der Mann in Weiß, „ich bummele hier meine Überstunden ab.“

Überstunden abbummeln mit Arbeit im Katastrophengebiet? Ginge das nicht auch anders? „Die Arbeit hier ist so erfüllend“, sagt Tankred Stöbe, „das erdet mich wieder“, sagt der Mediziner in Pakistan. „Man kann hier mit so wenig so viel erreichen.“ Stöbe hat das bereits bei Ärzte-ohne-Grenzen-Einsätzen in Pakistan im vergangenen Jahr sowie nach dem Tsunami gespürt – Kot-Addu ist sein achter internationaler Einsatz.

Anfangs hat er selbst Schlamm aus dem zerstörten Krankenhaus geschippt, Schutt rausgekarrt, Betten aufgebaut. Es wurden schnell immer mehr. „Es kommen immer mehr verzweifelte schwerkranke Menschen mittleren Alters, die eigentlich über gute Abwehrmechanismen verfügen, das bereitet uns große Sorgen.“ Was Stöbe in Pakistan sieht, sind völlig andere Krankheitsbilder als die aus dem Berliner Alltag. „Die Menschen sind ausgedörrt, erbrechen und haben extreme wässrige Durchfälle“ – typische Cholera-Anzeichen, das weiß er. Eine Station mit 30 Betten ist jetzt abgeschottet. Anstecken könne man sich schnell über Körperflüssigkeiten sowie über die dreckige Flutwasserbrühe, über verkeimtes Wasser aus den Trinkwasserbrunnen, erklärt der Mediziner. Helfen können sie den Menschen mit einfachen Mitteln, Infusionen mit Salz- und Zuckerlösungen über mehrere Tage, das hilft. Bis Ende August haben die 1200 nationalen und 100 internationalen Helfer von Ärzte ohne Grenzen fast 17 000 Patienten behandelt, beinahe 105 000 Überlebenskits und 550 000 Liter Frischwasser ausgeteilt.

Im Team des Charlottenburgers sind viele internationale Mediziner, Schwestern und Pfleger tätig. Sie arbeiten in drei Schichten, 24 Stunden am Tag. Anfangs wohnte Stöbe in einem „Hotel“, mit „völlig unbenutzbaren sanitären Anlagen“. Inzwischen sind die Kollegen in ein kleines Haus gezogen, schwül ist es, heiß und immer noch regnet es. Fünf Kilo hat er schon verloren, sagt er. Die Freundin stärkt ihn, per SMS aus der Ferne. Der Berliner wohnt „zusammen mit einem Kollegen aus Japan in einem Zimmer“. Kürzlich ist der Japaner eingeschlafen, mit einem Fachbuch „über die Behandlung von Cholera“ über dem Gesicht. Auch das ein Bild, das Stöbe mitnimmt aus Pakistan. Annette Kögel

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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