Berlin : Katastrophenschutz: Retter in Not: Für den Ernstfall sind sie schlecht gerüstet

Christoph Stollowsky

Veraltete Löschfahrzeuge, zu wenig Messwagen für ABC-Alarm, Ausbildungslücken bei den Rettern, ein mangelhaftes Warnsystem für die Bevölkerung: Berlin ist für Katastrophen mit New Yorker Ausmaßen unzureichend gerüstet. Das sagen Experten von Feuerwehr, Polizei und Innenverwaltung. Doch in den vergangenen Wochen wurden einige Verbesserungen erreicht. Es gibt jetzt eine "Gefahrenanalyse für Berlin", die Orte erfasst, von denen Katastrophen durch ein Unglück oder Terrorakte ausgehen könnten. Neu ist auch eine zentrale Einsatzleitung. Und in Kürze sollen Kurse beginnen, in denen Führungskräfte von Polizei und Feuerwehr Einsätze mit tausenden Helfern und Verletzten weitaus intensiver als bisher trainieren.

"Diese Maßnahmen", betont die Senatsinnenverwaltung, "wurden aber keineswegs erst unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September angeschoben." Es waren vielmehr Hausaufgaben, die alle Sicherheitskräfte im Rahmen des im Februar 1999 verabschiedeten Berliner Katastrophenschutzgesetzes erledigen mussten. Nach dem Terror in Manhattan setzte der Senat noch eins drauf: Er bewilligte 13 Millionen Mark für mehr Sicherheit, die Polizei und Feuerwehr ausgeben dürfen. Die Polizeierwarb vor allem Funkgeräte, "weil Kommunikation das A und O von Großeinsätzen ist", sagt Polizeivizepräsident Gerd Neubeck. Außerdem wurden Schutzwesten angeschafft. Bei der Feuerwehr entschied man sich für den Kauf von Software für die drei dezentralen Leitstellen in Marzahn, Wedding und Treptow - sie wurden dieses Jahr im Hinblick auf mögliche Katastrophen geschaffen. Würde die zentrale Leitstelle am Nikolaus-Groß-Weg zerstört, könnten sie sofort alle Rettungsaktionen koordinieren. Doch bisher fehlte das Geld für die nötige Elektronik.

Die Notfall-Leitstellen sind für düstere Szenarien geschaffen, deren Bewältigung nun vorsorglich durchdacht wird. Wie führt man präzise tausende Retter und richtet sie in Verschnaufpausen körperlich und seelisch wieder auf? Wo kommen tausende Wohnsitzlose provisorisch unter? Welche Turnhalle eignet sich als Groß-Leichenhalle? Norbert Schmidt, Leiter des Referates Katastrophenschutz beim Innensenator, nimmt solche Herausforderungen nüchtern an. "Der Anschlag in New York war unverstellbar, doch auch ein solches Ereignis lässt sich abarbeiten", sagt er. Vorausgesetzt, man hat die Möglichkeiten dazu.

Landesbranddirektor Albrecht Broemme, zugleich Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, vermisst hier noch einiges. Bisher sei keine Stadt in der Bundesrepublik auf ein Ereignis in New Yorker Dimensionen ausreichend vorbereitet, schreibt er in einem Dossier. Als die Bedrohung aus dem Osten nach der Wende wegfiel, hätten Bund und Länder ihr Engagement im Katastrophenschutz "bis an die Grenze des Vertretbaren" reduziert.

Beispiel: ABC-Schutz. Ursprünglich wollte der Bund Mitte der 90er Jahre für größere Kommunen Spürfahrzeuge anschaffen, die radioaktive, chemische und biologische Gefahren analysieren können. Eine Task Force für Schnell-Analytik war geplant - aber dann wurde alles verschoben. Deshalb haben Polizei und Feuerwehr in Berlin nur jeweils einen Messwagen.

Beispiel: Veraltete Löschwagen - die Fahrzeuge sind teils 15 bis 20 Jahre alt.

Beispiel: Alarmierung der Bevölkerung. Die Sirenen sind längst abgeschafft, doch TV und Radio reichen nicht aus, um alle Gefährdeten rechtzeitig zu warnen. Nun denken Experten über flächendeckende Alarmsysteme per Telefon und Internet nach.

"Der Terrorismus hat ungeahnte Ausmaße angenommen" sagt Broemme. "Wir brauchen neue Konzepte für den Katastrophenschutz." Eine zentrale Einsatzleitung unter Vorsitz des Innensenators, wie sie das Katastrophenschutzgesetz fordert, sollte dagegen längst selbstverständlich sein. Man hat einen solchen Stab mit den Hilfsorganisationen erst jetzt gebildet. Werden Bagger oder andere Geräte gebraucht, lässt sich schnell klären, wer noch etwas in petto hat. Und geht die Katastrophe von einer Fabrik oder einem anderen Gefahrenort aus, so gibt es künftig spezielle Einsatzpläne. Dazu wurde die "Gefahrenanalyse für Berlin" erstellt. Katastrophenschützer Norbert Schmidt: "Wir mussten erst einmal herausfinden, wo etwas Schlimmes passieren kann."

0 Kommentare

Neuester Kommentar