Berlin : Katerstimmung: Nach dem Sektrausch

Elisabeth Binder

Wie lange braucht der Mensch, um echte Flops so gründlich zu vergessen, dass er sich an Wiederholung wagt? Na, sagen wir mal so vier bis fünf Jahre. Deshalb stehen größere Silvesterfeierlichkeiten wohl frühestens wieder zum Jahreswechsel 2003/04 an, und bis dahin können wir uns ruhig erholen von den Erfahrungen in der Nacht zum Jahr 2000. Diese Nacht der Nächte war schon Monate, ach was, Jahre vorher verplant worden. Bis in die 70er Jahre gingen Buchungen von Mega-Giga-Abheben-Festlichkeiten zurück. Die Erwartungshaltung hätte höher nicht sein können.

Gewiss, vielerorts wurde fröhlich gefeiert, getanzt, ausgiebig diniert. Doch selbst dort, wo alles wunderbar klappte, blieb oft eine kleine Leerstelle übrig, so ein fragendes "Und das soll schon alles gewesen sein?". Der alles überragende Rausch, der einem "Einmal-in-tausend-Jahren-Ereignis" angemessen gewesen wäre, mochte sich einfach nicht einstellen. Eher war da so eine leise Verwunderung, es tatsächlich geschafft zu haben in dieses mit vielen Vorschusslegenden geschmückte, dreifach nullende Jahr.

Anderswo rückten die Mundwinkel rasch auf zwanzig nach acht. Die Passage ins Jahr 2000, einen Jahreswechsel, wie ihn die Menschheit tatsächlich nur alle tausend Jahre einmal erlebt, ordentlich zu begießen, erwies sich als Herausforderung, deren Druck viele nicht gewachsen waren, weder Veranstalter noch Gäste und schon gar nicht das Wetter. Da flossen Tränen, weil die hyperteure Gala den Erwartungen nicht entsprach.

Endlos gesparte Tickets enthielten am Ende grad mal ein lauwarmes Glas Sekt, und es gab Leute, die zu ihrer lange anvisierten Party am Ende nicht mehr durchkamen, weil die Massen, die sich ums Brandenburger Tor drängten, immer dichter wurden und der ganze Bereich großräumig abgeriegelt war. Vom Nebel nicht zu reden. Das bahnbrechende Lichtspektakel, das gigantische Feuerwerk, am Ende wurden sie verschluckt von der Jahrtausendwatte.

Und mittendrin orientierungslose Menschen, die nicht wussten, ob morgen ihr Toaster noch funktioniert, denn wie sich das Jahr-2000-Problem auswirken würde, wusste man auch eine Minute vor Mitternacht noch nicht wirklich. Gab es auch keine Hysterie, kursierten doch so leise Sorgen um die warme Dusche am Morgen danach. Glücklicherweise geschah ja nicht mal viel Dramatisches, selbst die Zahl der Unglücke hielt sich Grenzen.

Es setzte sich nur die Erkenntnis durch, dass man große Gefühle nicht kaufen kann (das gilt für die Liebe wie für einen Jahreswechsel mit drei runden Nullen), und dass man ein großes Ereignis nicht mit einer noch größeren Feier desselben zu übertreffen versuchen sollte.

Doch, auch in diesem Jahr wird auf den Straßen gefeiert, aber in Maßen. Auch in diesem Jahr gibt es Galas, aber ohne diesen Zwang zum Erfolg (und seitens der Macher auch ohne die zwanghafte Vorstellung, in der Nacht der Nächte daran einzigartig gut verdienen zu können.) Wer im letzten Jahr viel Geld ausgegeben und sich Enttäuschungen eingehandelt hat, besitzt in diesem Jahr die allerbesten Karten für einen geglückten Silvesterabend.

Die Messlatte hängt nach der etwas verunglückten Generalprobe nicht allzu hoch, und der Stress ist völlig weg. Man muss ja nichts Besonderes machen. Ein Essen im kleinen Kreis, zu Hause oder in einem nicht zu glamourösen Lokal und anschließend ein Spaziergang zur Siegessäule oder auch ganz woanders hin, das reicht schon. Keine Massenmanie, kein Prasszwang, keine Computerpanik - stattdessen gelassene Gemeinsamkeit, Gemütlichkeit pur, Konzentration auf wenige, liebe Menschen. Kann man ein neues Jahrtausend würdiger beginnen?

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