Berlin : Kathedrale mit Makel

Erst gefeiert, dann gescholten: Die Deutsche Bahn veränderte eigenmächtig den Entwurf für den Berliner Hauptbahnhof Nun gewann Architekt Meinhard von Gerkan vor dem Landgericht: Das Urheberrecht wurde verletzt. Die Bahn muss seine Pläne nachträglich ausführen

Bernhard Schulz

Im August 2001 war die Welt noch in Ordnung. Da erschien eine Farbbroschüre der Deutschen Bahn zum geplanten Neubau des „Lehrter Bahnhofs“. Stolz wird darin berichtet, dass „eine flache ellipsenförmige Halle“ die sechs Gleise „auf 430 Metern in Ost-West-Richtung“ überspannen werde. Dazu gab’s ein Foto von der Fertigung der 48 Dachbinder des Glasdaches in Polen, die damals bereits im Gange war. Weiter hinten im Heft findet sich auch ein Foto des gewölbten Rohbaus der unterirdischen Bahnsteighalle. Die Bildzeile beginnt mit den Worten: „Kathedrale der Technik“.

Mitte Dezember 2001 erfolgte die Baugenehmigung für die Dachkonstruktion. Doch nur sechs Wochen später überraschte Bahnchef Hartmut Mehdorn mit der Entscheidung, das Dach zu verkürzen, um den geplanten Eröffnungstermin des Bahnhofs zur Fußball-WM 2006 einhalten zu können.

Daraufhin musste die komplizierte Statik des Hallendaches vollständig neu berechnet werden. Schließlich besteht das entsprechend dem Gleisverlauf gebogene Dach aus lauter einzelnen Elementen, darunter 8500 Glasscheiben, mit entsprechend individueller Lastverteilung. Tatsächlich wurde das Dach dann 321 Meter lang. Statt 36 „Achsen“ zwischen den stählernen Bindern wurden nur 25 ausgeführt – drei Wochen schneller als erwartet. Das vollständig vorproduzierte Dach hätte innerhalb des engen Zeitraums gebaut werden können. Doch Mehdorn kommentierte nur: „Mir bricht nicht das Herz, wenn wir künftig nicht so viele Glasscheiben putzen müssen.“

Dem Konzernlenker ging die Änderung des Architektenentwurfs ohnehin nicht ans Herz. Bahnhofsarchitekt Meinhard von Gerkan vom Büro gmp stimmte der Verkürzung des Daches zu, um es überhaupt noch ausführen zu dürfen. Radikaler verfuhr die Bahn bei ihrem zweiten gewichtigen Eingriff: der Ersetzung der Konstruktion der unterirdischen Bahnsteighalle, geplant als flaches Kreuzgratgewölbe über jeweils vier Stützen, durch ein durchgezogenes, mattgraues Stahldach. Von Gerkan beklagt heute, zu dieser Änderung nicht einmal befragt worden zu sein. Die Bahn suchte sich 2005 ein anderes Büro. Wiederum wies Mehdorn jede Kritik selbstherrlich zurück: „Der Bauherr eines Eigenheims lässt sich auch nicht vom Architekten vorschreiben, welche Decke in sein Wohnzimmer kommt.“

Da aber irrte sich Mehdorn. Das Landgericht bescheinigt ihm, mit dem Eingriff das Urheberrecht des Architekten verletzt zu haben. Schließlich waren die Planungen von gmp von der Bahn abgesegnet worden. Später wurden einzelne Leistungen – wie die Prüfung der Firmenangebote zur Ausführung der Gewerke – den Architekten entzogen. Schließlich klagte gmp gegen die Bahn – ein Präzedenzfall. Doch das Renommee des größten deutschen Architekturbüros, das unter anderem auf seiner präzisen Einhaltung von Termin- und Kostenplänen auch bei Großprojekten beruht, ist groß. Mittlerweile bedauert von Gerkan, nicht schon gegen die Verkürzung des Glasdachs prozessiert zu haben. Sein damaliges Einlenken nimmt ihm das Klagerecht. Nicht aber die Hoffnung: „Wo ein Wille ist, ist immer ein Weg.“ Die ungenutzten Dachteile lagern schließlich noch in Berlin. Andererseits: Bahnchef Mehdorn will nicht einmal dem Landgericht folgen, sondern „durch alle Instanzen gehen“.

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