Katholische Kirche in Berlin : St. Hedwig geht's ans Eingemachte

Seit zwei Jahren wird über die Zukunft der Berliner Hedwigskathedrale gestritten. Jetzt hat Erzbischof Heiner Koch entschieden: Sie wird umgebaut.

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St. Hedwigs mit Blick in die Unterkirche. Die Bodenöffnung soll geschlossen werden.
St. Hedwigs mit Blick in die Unterkirche. Die Bodenöffnung soll geschlossen werden.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Hedwigskathedrale am Bebelplatz soll im Inneren umgebaut werden. Das hat Erzbischof Heiner Koch am Dienstagabend in der Messe zum katholischen Allerheiligenfest bekannt gegeben. Die Neugestaltung soll auf der Grundlage des Entwurfs der Fuldaer Architekten Sichau & Walter erfolgen, die 2014 den Architekturwettbewerb gewonnen haben.

Der Entwurf sieht die Schließung der monumentalen Bodenöffnung im Hauptraum der Kathedrale vor. Der Altar soll in die Mitte des Rundbaus gerückt werden und künftig direkt unter der Kuppel stehen, die Besucher sollen in konzentrischen Dreiviertel-Kreisen um den Altar herum sitzen. Aus der Sakristei soll eine Sakramentenkapelle werden, und die neue Sakristei unter die Erde verschwinden, in ein neu zu bauendes Untergeschoss zwischen Kathedrale und dem dahinter liegenden Bernhard-Lichtenberg-Haus

Der Umbau werde frühestens 2018 beginnen und mindestens zwei Jahre dauern, kündigte Koch an. Die Kosten schätzt das Erzbistum auf 60 Millionen Euro. Darin sind auch Kosten enthalten, die durch die Umgestaltung des Bernhard-Lichtenberg-Hauses entstehen. Das Lichtenberg-Haus, das früher Dienstsitz des verstorbenen Kardinals Georg Sterzinsky war, besteht aus einem Altbau und einem Neubau aus den 1970er Jahren. Der alte Teil soll saniert werden, der Neubau abgerissen und neu gebaut werden.
Leiter der Steuerungsgruppe für den Umbau wird der neue Domprobst, zu dem Erzbischof Koch den bisherigen Generalvikar Tobias Przytarski ernannte. Wer neuer Generalvikar wird, will das Bistum Ende der Woche bekannt geben.

Die Bodenöffnung im Kirchenraum soll geschlossen werden

Die Frage, ob der Innenraum der Kathedrale umgebaut oder in der bestehenden Form saniert werden soll, hatte in den vergangenen zwei Jahren zu erbitterten Auseinandersetzungen unter Berlins Katholiken geführt. Kunsthistoriker, Architekten und Denkmalschützer aus ganz Deutschland hatten vor der „Teilzerstörung eines Baudenkmals der Nachkriegsgeschichte“ gewarnt, andere fürchten ein Baudebakel wie bei der benachbarten Staatsoper mit unkalkulierbaren Kosten. „Wir graben längst nicht so tief wie die Staatsoper“, sagte Architekt Peter Sichau am Dienstag.

St. Hedwig wurde 1773 geweiht und im Inneren mehrmals umgebaut. Die jetzige Form stammt von Hans Schwippert. Der Architekt hatte in den 1950er Jahren den Boden geöffnet, um eine Verbindung von der Oberkirche zur Krypta in der Unterkirche herzustellen, wo NS-Opfer bestattet sind, allen voran der 1943 ermordete Dompropst Bernhard Lichtenberg.

Er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, sagte Erzbischof Koch. Täglich habe er Post gelesen, in der Befürworter und Gegner eines Umbaus in leidenschaftlich-sachlichem Ton argumentiert hätten, zum Teil habe ihn aber auch die „unerbittliche Härte“ erschrocken. Er habe sich mit sehr vielen Menschen im und außerhalb des Bistums beraten und habe selbst viele Stunden in der Kirche gesessen, um den Raum auf sich wirken zu lassen. „Ich kann verstehen, dass Menschen an dem Bau hängen“, sagte er, doch sei er der Ansicht, dass die Neugestaltung den runden Raum „besser zur Geltung“ bringe. Er hoffe, dass „die einfache Architektursprache“ künftig auch Menschen anspreche, die mit Glauben und Kirche nichts anfangen könnten.

Auch fast alle Räte und Gremien im Erzbistum, die Priester, die Laien, die Finanzverantwortlichen und die Liturgieexperten haben sich mehrheitlich für den Umbau ausgesprochen. Nur die Kunstkommission votierte unentschieden.

Die Gegner des Umbaus wollen weiterkämpfen

Von den geschätzten Baukosten in Höhe von 60 Millionen Euro sind nach Angaben von Erzbischof Koch 40 Millionen schon „sicher“: 20 Millionen Euro kommen aus dem Erzbistum selbst. Dafür seien bereits Rücklagen gebildet worden. „In den Umbau fließt kein Geld, das sonst für soziale oder karitative Zwecke verwendet werden würde“, versicherte Koch. Weitere 20 Millionen Euro wollen die anderen Bistümer beisteuern. Für die restlichen 20 Millionen Euro hofft das Bistum auf private Spender und Unterstützung durch den Bund und das Land Berlin. Er habe viele Gespräche geführt und sei „optimistisch“, sagte Koch. Er wollte aber nichts bestätigen, auch nicht das Gerücht, wonach Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Geld in Aussicht gestellt habe.

Die „Freunde der St. Hedwigs-Kathedrale“ wollen weiter für eine Sanierung der Kathedrale in der bestehenden Form kämpfen und kündigten am Dienstag ihren Widerstand gegen eine Bezuschussung der „Denkmalzerstörung“ durch öffentliche Mittel an. Das Erzbistum solle sich die Neubaukosten sparen und für den Wiederaufbau der erdbebengeschädigten Kirchen in Italien spenden.

Man sehe eine Umgestaltung „eher kritisch“, sagte auch der Sprecher des Landesdenkmalamtes am Dienstag. Fragen der Gottesdienstgestaltung könnten aber Vorrang haben vor den Belangen der Denkmalpflege. „Eine endgültige Abwägung ist noch nicht erfolgt.“ Erzbischof Koch rechnet damit, dass es etliche weitere Gespräche mit den Denkmalschützern geben werde. „Es liegt noch ein längerer Weg vor uns.“

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