Berlin : Kathrin Lemke (Geb. 1971)

„Ich hab’ Moll lieber als Dur. Da kann man mehr nachdenken über das Leben“

von

Jeder hat sein Lied, eins, das ihn tröstet, in den Schlaf wiegt, an die große Liebe erinnert, an das nahe, ferne Glück. „My Personal Heimat“, so nannte Kathrin ihre Sammlung all der Lieder, die ihr Leben froh gemacht haben und traurig. „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“, hatte ihr Vater ihr vorgesungen, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie saß daneben, acht Jahre war sie da alt. „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“, sang sie gern und lauthals, denn dort wuchs sie auf, dorthin kehrte sie immer wieder zurück. Und dort fand sie schon als Kind ihr Lebensziel, auch wenn es zunächst ein vager Traum schien: „Vielleicht werde ich später mal Konzerterin!“

„Das Lied der Schlümpfe“ intonierte sie mit gleicher Inbrunst wie Loriots Gassenhauer „Ich wünsch mir ’ne kleine Miezekatze“. Ihr Weltschmerz klang durch im „House of the Rising Sun“ wie im jüdischen Volkslied „Dem Milners Trern“ – „Die Tränen des Müllers“. Es sind so viele Lieder auf dieser letzten Platte wie Seelen in ihrer Brust wohnten, von der Coolness her Elvis, vom Temperament her „Dschingis Khan“, von der Zukunftssehnsucht her „Captain Future“ und das Wissen um die Vergeblichkeit allen Wünschens tönt im „Abschied vom Walde“. All diese Lieder hat sie sich musikalisch anverwandelt, auf ihre ganz eigene ironisch „traumherzige“ Art.

„Ich hab’ Moll lieber als Dur“, bekannte sie schon als Kind. „Da kann man mehr nachdenken über das Leben.“ Das war es, was ihre Musik so besonders gemacht hat, sie spielte Saxofon mit Kopf und Herz, sie arrangiert ihre Stücke kühl und seelenvoll, sie war stilistisch nicht ortsgebunden und dennoch bei vielen daheim. Die Menschen, denen sie sich zugehörig fühlte, traf sie über Räume und Zeiten hinweg. Sun Ra war einer ihrer Soulmates, ein Jazzmusiker, dessen Musik so extraterrestrisch klingt, weil er nach eigenem Bekunden vom Saturn stammte. Unwahrscheinlich? Nicht so ganz, denn Musik funktioniert letztlich wie ein Klang-Beamer. Die Töne, so sie nur intensiv genug angestimmt werden, schallen in andere Universen und kommen als Echo des so noch nie Gehörten zurück: „To Those of Earth and Other Worlds“. Für Sun Ra war seine Band „Arkestra“ ein Kompositum von Arche und Orchester. Mit ihrer Band „Heliocentric Counterblast“ spielte Kathrin seine „Planetary Tunes“ nach auf ihre unverwechselbare Weise.

Sie hat nicht einfach nur Jazz gespielt, sie war in den Jazz verliebt. Sie lebte ganz und gar in ihrer Musik, sie spielte sie nicht. Genau dieses Gefühl des reflektierten Einsseins wollte sie auch ihren Hörern zu Bewusstsein bringen, eine Vertrautheit ja, aber keine falsche Nähe, Wiegenlied fein, aber kein Eiapopeia. Lieder heilen die Welt, schön und gut, aber Lieder lassen auch all das Leid anklingen, das sich in Worte nicht fassen lässt. Kathrin war in der Literatur zu Hause, belesen in den Geschichtsbüchern des Grauens, das nur gefühlige, blinde Musizieren mochte sie nicht. „Vom Denken wird man nicht dumm“, die Erkenntnis ist dem Publikum zumutbar, auch in der Musik.

Und so hat sie immer wieder versucht, diese Mitte zu halten, auszuhalten, immer neu zu justieren: Herz und Ratio. Jedes Konzert ein Fest, das die Zuhörer lebendiger, aber auch ein wenig klüger verlassen sollten. Viele Musikkenner haben Kathrin Lemke einen Nachruf gewidmet und sie als Künstlerin gewürdigt, zu sagen gibt es eigentlich gar nicht mehr viel. Außer vielleicht, dass sie sich so unglaublich fürs Leben begeistern konnte. „Ich kann gar nicht einschlafen, weil ich mich so auf morgen freue!“

Im Juli 2015 hat sie die CD „My Personal Heimat“ aufgenommen, da war die Krankheit bereits mit aller Macht wiedergekehrt. Sie hat den Krebs gehasst, sie hat alles getan, ihn zu besiegen. Ihr wurde die falsche Hoffnung gegeben, es sei alles gut. Dann kam er doch zurück, aber sie gab der Hoffnungslosigkeit keinen Raum. Sie würde gehen müssen, ja, aber auch das war Gewissheit: Die Musik dieses letzten Albums wird jeden, der will, wieder zu ihr zurückbringen. Nein, jetzt nicht „Bella Ciao“ summen. Sie selbst soll das letzte Wort haben: „Sag mal was Schönes!“ – „Erdbeerkuchen!“ – „Warum Erdbeerkuchen?“ – „Das Leben ist so lecker!“

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