Berlin : Katzen würden Merkel wählen

Wolfram Siebeck

„Diese neue Kanzlerin wird mir immer sympathischer,“ sagt Frau Hoffmann und leckt sich die Schnauze. Sie sagt es, wie Curd Jürgens es als Oberst über seinen Mitflüchtling ausdrückte: „Mehr und mehr gefällt mir dieser Jakubowski“. Vielleicht hat er in dem Film „Jakubowski und der Oberst“ auch „missfällt“ gesagt. Es ging viel durcheinander damals, als sich das ungleiche Paar auf der Flucht vor den Nazis traf.

Bei Frau Hoffmann ist es eindeutig Sympathie für die zweibeinige Geschlechtsgenossin.

„Und was hat dich zu dieser Meinungsänderung bewogen? Anfangs war sie doch gar nicht dein Fall.“

„Das war, bevor ich ABC gelesen habe.“

„ABC? Seit wann liest du spanische Zeitungen?“

Sie rümpft die rosa Nase und bügelt ihren Pelzkragen: „Ich lese nicht, ich lasse lesen.“

Also handelt es sich wohl um die Presseschau im Radio. Ich warte geduldig.

„Dort haben sie nämlich geschrieben“, fährt sie fort und gibt ihrem Pelz einen letzten feuchten Strich, „dass sie ein graues Mäuslein sei.“

„Das meinen auch hier viele Leute. Sie wagen es nur nicht zu schreiben.“

„Wieso nicht? Ist doch ein Kompliment!“

„Ja, in den Augen einer Katze.“

„Wär es dir lieber, sie wäre ein grauer Esel?“

„Nein. Übrigens ist der Posten schon besetzt.“

„Auch mit einer Frau?“

„Öhöh, so viele haben wir nicht davon. Obwohl ...“ Mir fällt Alice Schwarzer ein. Aber für die interessiert sich bereits Harald Schmidt, das genügt.

„Was hast du also Neues an der Hohen Frau entdeckt, dass sie dir immer sympathischer wird?“

„Das fragst du noch?“, staunt Frau Hoffmann, streicht sich den Schnurrbart und klärt mich auf: „Wenn jemand als graues Mäuslein enttarnt wird, begeistert mich das automatisch.“

So ist das bei uns. Gebt Katzen das Wahlrecht, und Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin ihr Leben lang.

Dass Frau Hoffmann berechnend ist und nur zwei Dinge wirklich wichtig findet, ist in diesem Haus bekannt. Diese Dinge sind ihr Fressen und ein weiches Kissen an einem warmen Platz. Da macht man sich die Mühe, ihr die ernsten Fragen des Lebens nahe zu bringen, also Geschichte, die Künste, die Literatur, den Unterschied zwischen Enten- und Gänsestopfleber sowie den zwischen Chardonnay und Viognier, und sie hört auch scheinbar interessiert zu, aber kaum läuft mal eine graue Kirchenmaus durchs Gemäuer, saust sie zähnefletschend hinterher.

Als der Weihnachtsmann für die versammelten Enkel ein Paket Comics vom Schlitten warf, hat sie sich sofort die Hefte mit der Mickymaus unter die Kralle gerissen und den Dreijährigen, der sie auch haben wollte, böse angefaucht. Als ich ihr deswegen Vorhaltungen machte, sagte sie eiskalt:

„So weit kommt es noch, dass verwöhnte und überfettete Gören vorgeben, sich für Mäuse zu interessieren, während unsereins auf seinem Teller nur eine Gummimaus findet, für die ihr auch noch Dank erwartet!“

Ich gebe ja zu, dass der Kleine – ist es der Erwin oder Wolfi oder Benni? – sich nicht länger als drei Heftseiten konzentrieren kann und danach den nächsten Fernsehapparat ansteuert; aber verfettet sind sie eigentlich alle nicht.

Unvorteilhaft gekleidet, das ja, mit ihren kiloschweren Windeln. Frau Hoffmann steckte an den Tagen des Besuchs die Nase immer erst vorsichtig durch die Tür, bevor sie ein Zimmer betrat. Die tollpatschigen Zärtlichkeiten eines dreijährigen Kindes sind nicht nach ihrem Geschmack.

Was die Gummimaus angeht, so wollten wir sie tatsächlich zuerst Angela nennen. Aber da wir schon damals nicht der Meinung von ABC waren und die Farbe Grau uns nicht zur Identifikation reichte, beließen wir es bei einem freundlichen ,Mausi’.

Wer weiß, vielleicht wächst dieser Name ja mit einem anderen zusammen, wie West und Ost zusammengewachsen sind.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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